Zwei Mal ist Zufall, drei Mal eine Serie

Raum für Raum, Modul für Modul entstehen innerhalb kürzester Zeit Wohnhäuser in Holzmodulbauweise. Dies ist Ende des vergangenen Jahres beispielsweise in Bochum Hofstede passiert. Dass serielles Bauen heute über Plattenbauten hinausgeht, zeigen aktuelle Wohnprojekte und Studien. Angesichts der anhaltenden Nachfrage nach Wohnraum ist es in aller Munde – doch was ist unter seriellem Bauen eigentlich zu verstehen?

Seriell kommt von lateinisch serere „reihen“ oder „fügen“. Wer da an Reihen- oder Fertighäuser denkt, liegt ebenso richtig wie mit industriell gefertigten Bauteilen, Plattenbauten und Großsiedlungen. Denn serielles Bauen umfasst unterschiedliche Maßstäbe, deren Bewertung auch von der Zielsetzung der verwendeten Bauweise abhängt. Eine im Rahmen der IBA Berlin 2020 erstellte Studie etwa unterscheidet grundsätzlich zwischen einem seriellen Umgang mit der Planung, der Produktion und dem Endprodukt.

Wiederholung, Normierung, Typisierung

Vom Mauerstein über vorinstallierte Wandmodule bis hin zu ganzen Häusern – die Größe und Bandbreite seriell gefertigter (Bau-)Produkte variieren. All diese können in Serien hergestellt werden – aber auch Unikate hervorbringen. Beispiele zeigen, dass Serialität mehr ist als Massenproduktion, und als Prozess zu verstehen ist.

 

Die Wiederholung gleicher Arbeitsschritte erzeugt eine Serie. Bevor ein derartig hergestelltes Produkt „in Serie“ geht, wird zunächst dessen Eignung für mehr oder weniger spezifische Anforderungen überprüft und für einen bestimmten Zweck zur Norm erhoben. Es wird „typisiert“. Wer zum Beispiel Reihenhäuser plant, nutzt serielle Abläufe im Entwurf einer sich wiederholenden Form. Da liegt es nahe, auch die Ausschreibung, Vergabe und Bauantragsstellung der Häuser zu standardisieren.

Unter Anwendung fordistischer Arbeitsprinzipien stellt die Serienproduktion die gleichbleibende Qualität bestimmter Merkmale sicher. Dies kann – muss aber nicht – Kosten sparen gegenüber der Einzelfertigung. Andere Ziele serieller Produktion sind das Erreichen einer bestimmten Ausführungsqualität, beispielsweise energetischer und konstruktiver Standards, oder eine verkürzte Bauzeit.

Die Masse macht’s?

Zwar ist der Serienbegriff durch seine Menge an produzierten Typen definiert, unter Einsatz moderner Fertigungsweisen sind mittlerweile jedoch auch kleinere Stückzahlen wirtschaftlich realisierbar. Man könnte also sagen: Für eine heutige Definition serieller Herstellungsprozesse ist es maßgeblich, ob sich ein Erzeugnis generell als Serienprodukt für einen bestimmten Einsatz eignet. Und weniger die Anzahl an Realisierungen.

Vielfach wird mit Serienprodukten eine Reihe der gleichen, industriell gefertigten Artikel verbunden. Doch mit modernen Fertigungsmethoden ist es inzwischen durchaus möglich, individualisierte Teile mit derselben Technikherzustellen. Beispielsweise werden im parametrischen Design Formen digital automatisiert erstellt. Hier ist die Abweichung von der Serie das Entwurfsprinzip. Ebenso können aus genormten Teilen Einzelstücke entstehen – man denke an Legosteine. Und umgekehrt: Ein standardisiertes Endprodukt, etwa ein bewährter, mehrfach verwendeter Wohnungsgrundriss, lässt sich sowohl aus Fertigteilen, als auch handwerklich herstellen. Spätestens hierbei wird deutlich, dass serielle Bauweisen längst Einzug in den Wohnungsbau gehalten haben – und dabei keineswegs monoton sein müssen.

 

Ein Beispiel für serielle Bauprodukte: Hohlwandelement als Betonhalbfertigteil. Foto

Ein Beispiel für serielle Bauprodukte: Hohlwandelement als Betonhalbfertigteil. Foto via Wikimedia, CC BY 3.0

Serielles Bauen und der Ruf der Plattenbauten

Das war nicht immer so: Der massenhafte Einsatz serieller Bauweisen ist in Verruf geraten, weil Planer deren technische Anforderungen aus ideologischen Gründen eine Zeit lang vor die Funktion und Gestaltung ihrer Bauwerke stellten. Als bekanntes Beispiel hierfür gelten die Plattenbauten der ehemaligen DDR. Der dort betriebene Großsiedlungsbau wurde bereits 1933 in der Charta von Athen unter anderem von Le Corbusier propagandiert. Zunächst unter anderen gestalterischen Gesichtspunkten als die frühen Modernisten erträumt hatten, jedoch unter Verwendung vorgefertigter Bauelemente und  standardisierter Typenhäuser, näherte sich das planerische Ideal der sowjetischen Besatzungszone dem der „funktionalen Stadt“ an. Neben baukonstruktiven Mängeln traten in diesen reinen Wohngebieten mit der Zeit auch soziale Probleme auf. Kritik an den stadtplanerischen Leitbildern wurde mit einer Bewertung der Bauweise verknüpft.

Wie die Architekturentwicklung seitdem zeigt, wurden als Reaktion darauf Leitbilder wie die „funktionale Stadt“, die ein singuläres gesellschaftliches und gestalterisches Ideal zu verbreiten suchten, von einer hohen Wertschätzung von Individualität und Vielfalt abgelöst. Stattdessen berücksichtigen diese heute eine stärkere Anpassung an Ort und Nutzer. Das gewohnte Bild serieller Bauproduktion wurde diesen Anforderungen nicht gerecht. In der Folge war sie einige Jahre im Architekturdiskurs nicht präsent.

Heute wird jedoch mit dem zunehmenden Einzug von Robotik auch in die Fertigungsprozesse von Bauprodukten und dem digitalen Wandel zu einer „Industrie 4.0“ der an individuelle Erfordernisse angepasste Einsatz serieller Bautypen möglich – Stichwort „Mass Customization“. Diese bieten außerdem die Möglichkeit, die ökonomischen Vorteile serieller Bauweisen mit gestalterischer Qualität und funktionalen Anforderungen zu verbinden.

„Bochumer Stadtgespräch“ zum Thema

Der Frage, ob serielles Bauen vor diesem Hintergrund eine Antwort auf den anhaltenden Bedarf an bezahlbarem Wohnraum liefern kann, gehen die Stadt Bochum und das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW am Mittwoch, 7. Juni 2017, um 19 Uhr im Kunstmuseum Bochum in einem „Bochumer Stadtgespräch“ nach.

 

Autorin: Anna Scheurer. Titelfoto via Wikimedia, CC BY-SA 3.0