Eine schwimmende Farm oder wieso Kühe auf Flößen grasen

In Rotterdam soll ab Sommer 2016 sollen auf einer schwimmenden Farm Kühe grasen. Die Idee kommt vom niederländischen Start-up „Floating Farm“, das die Nahrungsversorgung von Städten verbessern möchte. Ein Blick auf die ungewöhnliche Konstruktion.

Der Ansatzpunkt eine schwimmende Farm zu bauen, die sich nahezu selbst versorgt, liegt für die Macher von „Floating Farm“ auf der Hand. Die Weltbevölkerung steigt rasant an, parallel dazu mangelt es an Ackerland, die Transportwege sind lang, Emissionen nehmen zu. Für Peter van Wingerden sowie seine Partner Johan Bosman und Carel de Vries ist damit klar: Landwirtschaft findet zukünftig auf dem Wasser statt, am besten in Form von Kreislaufwirtschaft. Deswegen bauen sie im Rotterdamer Hafen einen Bauernhof, der schwimmt – und auf dem Kühe weiden. Diese liefern letztlich Milch für Käse, Butter oder Joghurt für den Verkauf.

Schwimmende Farm mit Kreislaufwirtschaft

Interessant an dem Projekt ist die Konstruktion: „Das Floß wird aus Beton bestehen“, schreibt CEO Peter van Wingerden per Mail. Viel Arbeit und Entwicklung hat die Firma hineingesteckt, denn Größe und Stabilität sind entscheidende Faktoren für das Ponton, also den Schwimmkörper. „Die Farm ist ein normaler Stall, mit einem speziellen Membran-Boden“, so van Wingerden. Und darin liegt das Besondere, denn die Membran trennt Dung und Urin der Kühe, die auf dem Boden weiden. Aus dem Urin lassen sich Nährstoffe gewinnen und ein Roboter sammelt den Dung, der Energie für die Stromerzeugung liefert. Solarzellen auf dem Dach sollen die Stromversorgung unterstützen.

Damit sind die Funktionen die Farm aber noch nicht am Ende: Vom Dach aus wird Regenwasser den Kühen zugeführt und dient ihnen als Trinkwasser. Auf der untersten Etage wächst Gras: Futter für die Tiere, beleuchtet von LED-Lampen und gezüchtet mit den Nährstoffen, die zuvor gewonnen worden sind. Ein Roboter melkt die Kühe, die jeweils etwa 15 Quadratmeter Platz haben sollen, erzählte van Wingerden dem Magazin The New Economy. Auf einer weiteren Ebene werde die Rohmilch in frische Molke verarbeitet, erläutert er weiter in einer Mail. Praktisch: Denn das Wasser, das am Rumpf vorbeifließt, kühlt zugleich die Milch.

 

„So suffizient, so zirkulär wie möglich.“

Peter van Wingerden, CEO von Floating Farm

 

Sein beruflicher Hintergrund hilft Peter van Wingerden beim Bau des Bauernhofs auf dem Wasser, hat er doch mit seiner Firma Beladon bereits schwimmende Häuser errichtet. Wie auch dort, strebt er jetzt an, die schwimmende Farm „so zirkulär wie möglich zu bauen“. Die Idee der schwimmenden Farm beschreibt er wie folgt: „Wir entwerfen und gestalten schwimmende Konstruktionen (um schwimmende Städte zu bauen), die möglichst suffizient sind im Hinblick auf Wasser, Energie, Müll und Nahrung. Innerhalb dieser Stadt müssen wir ebenfalls Nahrung erzeugen, so dass wir mit dem schwierigsten Teil begonnen haben und uns gesagt haben: „Lass uns eine Molkerei bauen“.“ Und das nicht irgendwo, sondern möglichst nah am Wohnumfeld der Menschen in Rotterdam.

Die Idee hinter dem Projekt wird schnell deutlich: Mit der Farm könnte ein Beitrag zu einer effizienteren Versorgung der Stadtbewohner gesichert werden. Zugleich würde die schwimmende Farm auch dem Platzproblem in Städten eine Lösung entgegenstellen. Und: Die oft zu recht kritisierte Entfernung zwischen Endverbraucher, Produktion und Vertrieb würde reduziert. Eine weitere Besonderheit liefern die Fenster des Bauernhofs: Die Käufer und Besucher können die Abläufe auf der schwimmenden Farm beobachten und somit nachvollziehen – ein transparentes Wirtschaften.

Eine Antwort auf Platzmangel und lange Transportwege

Die Region Rotterdam stellt für Floating Farm eine ideale Umgebung dar: mit Europas größter Transportknoten in Form des Hafens sowie vielen Unternehmen für die Verarbeitung von Agrarprodukte und den Handel mit diesen. Hinzu kommen die Erasmus Universität in Rotterdam und die Technische Universität in Delft oder auch Floating Farms direkte Partner, die Universität Wageningen und Philips. Denn das Erzeugen von Milchprodukten ist nur eine Seite der Farm. Darüber hinaus erforscht das Unternehmen zum Beispiel auch die Verbesserung von Tierfutter.

Seit Oktober 2015 ist in Rotterdam der Prototyp der schwimmenden Farm im Bau, der zwei Millionen Euro kostet und aus privaten Mitteln finanziert ist, wie WiWo berichtet. Im Sommer sollen erste Kühe weiden, nun warten Peter van Wingerden und seine Kollegen noch auf die Genehmigung loszulegen. Denn im Oktober wollen sie ihre schwimmende Farm auf dem „World Dairy Summit“ in Rotterdam vorstellen.

Text: Timo Klippstein. Foto: Screenshot