Was Bahnfahren mit Architektur zu tun hat und Donuts mit Städtebau: eine Vorlesung in der Straßenbahn

Entlang der Strecke der Straßenbahnlinie 18 sprachen Bürger, Studenten und Architekturexperten in einer mobilen Vorlesung über den Raum zwischen Bonn und Köln. Ursula Kleefisch-Jobst ist fürs M:AI eingestiegen und mitgefahren.

 

Der müde Blick sucht die Sitzplätze ab. Wieder alle besetzt in der Straßenbahnlinie 18. Doch da, endlich wird ein Platz frei, schnell hinsetzen. Dies sind kleine Glücksmomente für die Pendler zwischen Köln und Bonn. Aber auch: Alltag. Denn die Straßenbahnlinie 18 befördert täglich hunderte von Menschen. Viele Fahrgäste vertiefen sich währenddessen in die Zeitung, ins Smartphone oder in ein Buch – oder sie dösen entspannt. Die allerwenigsten von ihnen aber betrachten bei ihren täglichen Fahrten die draußen vorbeiziehende Umgebung: einen Transitraum zwischen zwei Stadtzentren entlang, mit Landwirtschaft und dörflichen Strukturen, die den Rand des Vorgebirges prägt.

An diesem Dienstagabend aber ist es anders. Die Alanus Hochschule in Alfter und das Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI) haben in Kooperation mit dem Bonner Generalanzeiger  zu einer Vorlesung unter dem Titel „GrenzWertig. Architektur im Gespräch zwischen Köln und Bonn“ eingeladen. Und die findet nicht irgendwo in der Hochschule statt, sondern in die Linie 18. Die Vorlesung rollt praktisch durch ihr Thema – den Raum zwischen Köln und Bonn.

Geduld, Entschleunigung und erste Gespräche

Gegen 19 Uhr entschleunigt sich normalerweise die Taktung der Straßenbahnfahrten auf den Strecken rund um Köln und Bonn. Ungewöhnlich viele Menschen aber warteten an diesem Abend gegen 19.30 Uhr im sogenannten „Bonner Loch“ auf Gleis 1 auf eine Fahrt mit der Linie 18 nach Köln. Viele Straßenbahnen fuhren auf dem Gleis ein, die meisten auf dem Weg ins Depot, aber die Sonderfahrt ließ auf sich warten. Geduld war gefragt. Schnell kam man mit den Mitwartenden ins Gespräche, Studierende und Hochschullehrer der Alanus Hochschule und der TH Köln, aber auch aufmerksame Leser des Kooperationspartners Bonner General-Anzeigers, die neugierig waren, etwas zu erfahren über die Umgebung, in der sie sich täglich bewegen. Diese Mitfahrenden waren das Publikum der Vorlesung und Studierenden die „Dozenten“. Und die Verspätung der Bahn ist indirekt der erste Anlass, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Als die lang ersehnte Linie 18 einrollt, ist es leider kein rot gestrichener Wagen, der auf den Namen „Feuriger Elias“ getauft war, wie die ersten Wagen der Linie 18, die 1897 ihren Betrieb aufgenommen hatte. Feurig deshalb, weil die Fahrtzeit um 1900 zwischen den beiden Städten als sehr schnell empfunden wurde. Heute ist das auf der größtenteils immer noch eingleisigen Strecke nicht mehr der Fall. Das immer höhere Pendleraufkommen bedingt nun den zügigen zweigleisigen Ausbau.

Wachstum, Verdichtung, Ausdehnung

Was macht den Raum zwischen den beiden Städten Bonn und Köln so interessant für eine Betrachtung? Dies erläuterte Professor Willem-Jan Beeren von der Alanus Hochschule den interesierten Fahrgästen. Die Region Köln/ Bonn und insbesondere die beiden Städte verzeichnen schon heute ein großes Wachstum, das in den kommenden Jahren noch andauern wird. Beide Städte können den Zuzug von Menschen und die damit erforderliche Schaffung von Wohnraum und Infrastrukturen wie Kitas, Schulen, Nahversorgung, aber auch die Ausweisung von Gewerbeflächen nicht mehr auf ihrem jeweiligen Stadtgebiet durch Verdichtung ermöglichen. Die Stadtränder werden sich ausdehnen und das Umland wird zu einer der wichtigsten Flächenreserven. Daher müssen jetzt die Grundlagen für das zukünftige Wachstum gelegt werden. Entscheidend wird dabei sein, dass die Betrachtung nicht innerhalb der einzelnen kommunalen Grenzen verläuft. Der schon heute sehr gegensätzliche Raum muss als Ganzes analysiert und strukturiert werden.

Vom Donut zum Berliner

Während der Fahrgäste plaudern und schauen, verlässt die Linie 18 verlässt nach dem Bonner Hauptbahnhof schnell das Stadtgebiet und fährt zunächst durch das immer noch landwirtschaftlich geprägte Vorgebirge. Obst- und Gemüseanbau auf kleinen Flächen dominieren dort seit jeher die Landschaft, auch wenn manche Felder mittlerweile brach liegen. Gewächshäuser gehörten schon immer zum Landschaftsbild, heute aber schimmern vor allem die weißen Folienabdeckungen wie wellenbewegte Wasserflächen in der Abendsonne. Am Horizont ragen die rauchenden Schlote der chemischen Industrie von Wesseling auf. Alles ist nah beieinander. Dörfer, deren Bebauung sich bis an die Bahnlinie ausgedehnt hat, liebevoll aufgehübschte Einfamilienhäuschen, kleine 50er-Jahre Siedlungen, vereinzelt extravagante Neubauten. Die ehemaligen dörflichen Strukturen leiden unter der Vernachlässigung ihre Kerne zu Gunsten der sich immer stärker entwickelnden Dorfränder. „Hier muss eine Entwicklung vom Donut zum Berliner stattfinden“, erläutert Willem-Jan Beeren. Und er meint nicht das Schmalzgebäck, sondern veranschaulicht mit dem Bild ein städtebauliches Phänomen.

Neue Ideen für leere Bahnhöfe und verlassene Schwimmbäder

An diesem Abend öffnet die Bahn  ihre Türen nur an der Haltestelle Alfter. Es steigen Studierende ein, die gelbe Postkarten an die Reisenden verteilen. Mit der Bitte: ihre Eindrücke beim Blick aus dem Fenster auf der Karte zu notieren. Viele der Bahnhöfe entlang der Strecke stehen leer. Diese Bauten könnte man zu Studentenwohnungen umbauen oder als Künstlerateliers nutzen, befanden die Studierenden bei ihrer detaillierten Analyse während des vergangenen Semesters. Aus dem „Feurigen Elias“ würde dann vielleicht die „KunstLinie 18“.

In Hürth, das mit einem prognostizierten Wachstum von 25 Prozent in den nächsten Jahren rechnet und damit einem sehr großen Veränderungsdruck ausgesetzt ist, steht das Schwimmbad leer. Dies könnte man in eine Markhalle umfunktionieren und so für die Obst- und Gemüsebauern einen Ort für ihre direkte Vermarktung schaffen. Das prägende Motiv der Gewächshäuser dieser Region beflügelte die Idee, die neue Wohnbebauung in diesen Strukturen zu gestalten. Vielfältig waren die vorgestellten Pläne der Studierenden für diesen Transitraum. Die Fahrgäste staunten und nahmen Elemente der Umgebung wahr, die ihnen bislang kaum einen Blick wert gewesen waren.

Wachsen Köln und Bonn zusammen?

Eine Frage beschäftigte dann aber doch noch einen der Fahrgäste: Könnte es sein, dass ähnlich wie im Ruhrgebiet, die beiden Städte Köln und Bonn in ferner Zukunft zu einer Metropolregion zusammenwachsen? Bonner und Kölner lässt dieser Gedanke sicher erschrecken, ist man doch stets eifrig bemüht, die eigene Identität zu schützen. Für Planer und Politiker ist dieser Gedanke jedoch keine Zukunftsmusik mehr. Sie arbeiten bereits an ersten Ideen für ein sogenanntes „Agglomerationskonzept“ für die Region Köln/Bonn. Entscheidend dürfte dabei sein, die Identität und historische Struktur der Teilräume zu wahren, aber den Gesamtraum als Einheit zu begreifen. Und bei diesen Planungen „neidfrei die Stärken der einzelnen Flächen innerhalb der einzelnen Kommunen anzuerkennen und zum Wohle der Gesamtheit zu nutzen“, so Wilhelm-Jan Beeren.

So endete eine ungewöhnliche Sraßenbahnfahrt am Kölner Hauptbahnhof mit den Worten: „Thank you for travelling with KVB!“

 

 P„Projektreihe GrenzWertig“: Eine der wichtigen Aufgaben der angehenden Architekten und Stadtplaner ist die Vermittlung von Architektur und raumplanerischen Lösungen an die Bürger. Diese Vermittlung ist auch ein zentrales Aufgabenfeld des M:AI, das mit seinen Ausstellungen an jeweils sehr unterschiedlichen Orten zu Gast ist (aber nie im musealen Raum), um Architektur erlebbar zu machen. Daher möchte das M:AI in der Kooperation mit Hochschulen in NRW die Fähigkeiten der Architekturvermittlung an ungewöhnlichen Orten in direktem Kontakt mit den Bürgern stärken. Die Vorlesung in der Linie 18 ist Teil des Projekts „GrenzWertig„.


Text: Ursula Kleefisch-Jobst, Fotos: © Alanus Hochschule / Fachbereich Architektur, Claudius Bäuml

> Bericht des Bonner General-Anzeigers zur Bahnfahrt

> Mehr Informationen zum Projekt „GrenzWertig“