Von neuen Materialisten und widerständigen Materialien

Das Thema Materialien erlebt einen Aufschwung: Wie Künstler, Architekten und Kulturwissenschaftler mit Stoffen umgehen.

Schwarze Löcher, die Materie anziehen und gleichsam verschlucken, und Nanomaterialien, deren Größe im Bereich von Milliardsten Metern liegen, sind wohl die beiden Extreme zwischen denen sich heute Materie und Material bewegen. Die Materialisierung unserer Umgebung, ja sogar die Materialisierung unserer selbst, ist uns so vertraut, ja alltäglich, dass sie oftmals aus unserem Blickfeld und unserem Bewusstsein gerät. Die Kulturwissenschaften und auch die Philosophie aber interessieren sich seit einiger Zeit wieder verstärkt für das Thema Material.

Der Neue Materialismus

Man spricht sogar vom Neuen Materialismus oder material turn. Nicht im Sinne der alten Dichotomie von Idee und Materie, wo dem Material die Idee gleichsam entlockt werden muss, wie es sich Platon vorstellte. Und auch nicht Material als gehorsamer Rohstoff, dem allein Gestaltungswille Form und Bedeutung verleiht. Vielmehr, so die neuen Materialisten, erweisen sich Materie, Material und Dinge „als widerständig und eigendynamisch, als ausgestattet mit Handlungsmacht und der Fähigkeit zu affizieren und affiziert zu werden“, so die Kulturwissenschaftlerin Susanne Witzgall von der Akademie der Bildenden Künste in München. Sie eröffnete in der letzten Woche einen interessanten Workshop der neu gegründeten Fritz und Trude Fortmann Stiftung, deren Stiftungsziel Material und Baukultur ist.

Die Wandlung von Stoffen

Zu diesem Thema hatte die Stiftung Menschen sehr unterschiedlicher Professionen geladen, die einen Blick auf die Bedeutung und den Umgang mit Materialien im Kontext von Architektur und Stadtgestaltung werfen sollten. Dieses selbst-transformative Potenzial der Materialien, wodurch diese sich in ständiger Metamorphose und Morphogenese befinden, hat eine „Sprengkraft“, so Witzgall, „die nicht nur herkömmliche Vorstellungen der architektonischen Gestaltungspraxis erschüttert, sondern auch neue ethische, ökologische und gesellschaftliche Überlegungen hinsichtlich architektonischer Materialien aufwirft.“

Gut zu betrachten ist dies etwa im Herstellungs- und Produktionsprozess von Materialien sowie in der Bearbeitung am Bau bis hin zum Recyceln von Stoffen. Oder auch dann, wenn Material in neue Kreisläufe und Netzwerke eingespeist wird und so ein Gesamtprozess mit eigenen Dynamiken erscheint. Ein anderes, ganz konkretes und anschauliches Beispiel ist der „HygroSkin Meteorosensitive Pavilion“ aus dem Jahr 2013 von Achim Menges, Oliver David Krieg und Steffen Reichert. Es handelt sich um eine Auseinandersetzung mit Architektur, bei der die Erbauer die Eigenschaft von Holz nutzen, sich in Verbindung mit Feuchtigkeit auszudehnen.

 

Der Einsatz von Material in der Architektur

Für das Tragwerk eines Bauwerk ist die Materialwahl von herausragender Bedeutung, wie der Tragwerksplaner Joseph Schwarz von der ETH Zürich verdeutlichte. Dabei stellte er heraus, dass die tragwerkstechnischen und die gestalterischen Belange gleichsam miteinander verschmelzen müssen, um so stringente und ästhetisch überzeugende Architekturen zu schaffen. Bei vielen Bauten driften diese Prinzipien seiner Ansicht nach auseinander und es werden lediglich abstrakte Bilder in Bauwerken umgesetzt.

Der Künstler Martin Kaltwasser zeigt an Hand einiger seiner Projekte wie aus recycelten Materialien in neuen Kontexten neue Funktionen und veränderte Bedeutungen entstehen. So zerlegte Kaltwasser ein Auto, ein altes Chrysler-Modell, in seine Bestandteile und baute daraus ein Lastenfahrad oder aus 15.000 durchsichtigen Plastikbechern vom Berlin Marathon tackerte er eine Dachabdeckung. Er knüpfte damit ganz anschaulich an die von Susanne Witzgall beschrieben Transformationsfähigkeit und Eigendynamik von Materialien an.

Moden der Materialien

Anhand des Hamburger Chile-Hauses mit seiner heute wieder hochgeschätzten Klinkerfassaden machte Jörn Düwel, Architekturprofessor an der HCU in Hamburg, deutlich, wie Materialien nicht nur das Erscheinungsbild von Städten prägen, sondern spätestens seit der Moderne auch Moden und dem Zeitgeist unterworfen sind.

Das Foto zeigt das Material Glas in Form einer Scheibe auf dem Wassertropfen zu sehen sind. Im Hintergrund sieht man Lichter einer Stadt.

Glas

Während man Jahrhundertelang nur mit den Materialien bauen konnte, die vor Ort vorhanden waren, brachte die Industrialisierung eine Fülle von neuen Baustoffen hervor, die das Erscheinungsbild der Architektur tiefgreifende veränderten. Heute gibt es so viele Werk- und Baustoffe und Materialien wie wohl nie zuvor. Aber die Fülle ist vielen Architekten und Planern unbekannt. Daher gründeten Hannes Bäuerle und Joachim Stumpp 2005 die Materialbibliothek raumProbe in Stuttgart. Anstelle von Büchern stehen in den Regalen Materialproben. „Ein Streichelzoo für Planer“, wie es Hannes Bäuerle bezeichnete.

1924 drückte es Architekt Adolf Loos etwas pathetischer aus: „Die Materie muß wieder vergöttlicht werden. Die Stoffe sind geradezu myteriöse Substanzen. Wir müssen tief und ehrfürchtig staunen, daß etwas Ähnliches überhaupt geschaffen wurde.“ Die neuen Materialisten wollen uns nicht das Fürchten, sondern das Staunen lehren!


Text: Ursula Kleefisch-Jobst | Fotos via Pexel