Und sie werden doch noch gebaut: Kirchen!

Der BDA NRW hat die Immanuelkirche in Köln-Stammheim der Architekten Sauerbruch Hutton mit dem „Architekturpreis Nordrhein-Westfalens“ ausgezeichnet. Das fast dörflich anmutende Ensemble aus Kirche, Glockenturm und Kapelle in einer schlichten Holzbauweise fand sich auch auf der Shortlist für den Mies van der Rohe Award 2015, den bedeutendsten europäischen Architekturpreis. Doch viele Kirchen stehen leer; werden neue Kirchen heute überhaupt noch gebaut? Ursula Kleefisch-Jobst geht dieser Frage in dem Blogbeitrag nach.

An der städtebaulichen und architektonischen Qualität der Kirche mit ihrem ruhigen, meditativen – aus zwei sehr unterschiedlichen Lichtquellen gespeisten Raum -, ist nicht zu zweifeln. Was erstaunt, ist die Tatsache, dass ein Kirchen-Neubau ausgezeichnet wurde.  stellt sich doch die Frage: Werden denn überhaupt noch Kirchen gebaut und gebraucht? In Nordrhein-Westfalen stehen doch immer mehr Kirchen leer, manche wurden gar schon abgerissen, bei einigen das Bauvolumen verkleinert. Oder sie wurden für gänzlich neue Nutzungen völlig umgebaut. Der Hintergrund ist die stetig schrumpfende Zahl an Kirchenmitgliedern und die Zusammenlegungen von Gemeinden, die leerstehenden Kirchen resultieren. So war der Anlass für den Neubau der Immanuelkirche auch die Zusammenlegung zweier evangelischer Kirchengemeinden.

Werden denn überhaupt noch Kirchen gebaut und gebraucht?

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Die Autobahnkirche Siegerland von den Architekten schneider + schumacher. Fotos: Helen Schiffer.

Trotz des enormen Schrumpfungsprozesses aber entstehen immer wieder Kirchenneubauten. Diese prominenstete aller Bauaufgabe versiegt nicht. Auch für heutige Architekten ist ein Kirchenbau etwas einzigartiges und jeder möchte mindestens einen in seinem Leben realisieren. Für die Kölner Architektin Susanne Gross ist ein Sakralbau immer eine „besondere Aufgabe mit einem geistigen Hintergrund“. Im Jahr 2004 entstand ihr erster Kirchenbau: ein Gebäude mit zwei in ihrer Raumwirkung sehr unterschiedlichen sakralen Räumen für Katholiken sowie Protestanten und der Möglichkeit beide Räume zu einem ökumenischen Kirchenraum zu verbinden – die Maria Magdalena Kirche im Freiburger Neubaugebiet Rieselfeld.

Keine andere Bauaufgabe bietet Architekten so sehr die Chance, zu zeigen, was Architektur ist: Raumkunst. Einen Raum zu schaffen, der nicht in erster Linie funktional ist, sondern der den Menschen beim Betreten „berühren“ soll. Für einen Augenblick soll man das Alltägliche zurücklassen und sich nach etwas Höherem ausstrecken.

Architekten arbeiten im Kirchenbau seit alters her mit einem schwierigen Baumaterial: dem Licht. Schon die gotischen Baumeister verstande  die Immaterialität des Lichts als ein sichtbares Zeichen des Göttlichen. „Kirchenbauten sind schließlich immer Lichträume“, so der Österreichische Architekt Wolf D. Prix von Coop Himmelb(l)au, der für seine Heimatstadt Hainburg 2011 einen kleinen Kirchenbau mit einem ungewöhnlichen Dach realisierte.

Raum schaffen, der nicht funktional ist, sondern der Menschen „berührt“

Das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher schuf 2013 an der Siegerland-Autobahn eine Kirche, deren äußere Erscheinung sich aus dem Piktogramm für die Autobahnkirchen ableitet, im Inneren aber einen bewusst konträren, kugelförmigen, hölzernen Raum umschließt, der „warm, magisch, sakral in eine andere Welt vermittelt“, so Michael Schumacher.

Aus dieser Raumkunst schöpfen Kirchenbauten ihre besondere Anziehungskraft, die fern aller religiöser Überzeugungen ist. Daher sind in einer zunehmend hektisch und lärmend empfundenen Welt solche Orte von besonderer Bedeutung. Manch eine leerstehende Kirche könnte – wäre da nicht die ökonomischen Zwänge – auch einfach die Funktion eines meditativen Raumes für Alle übernehmen.

Text: Ursula Kleefisch-Jobst