Sydney Opera House – Oder die Geschichte vom verjagten Architekten

Welches Bild hat man sofort vor Augen, wenn man an die australische Hafenstadt Sydney denkt? Klar: die knallweißen, haubenartigen, ineinander verschachtelten Dächer des Opernhauses. Wie geblähte Segel ragt das Dach 67 Meter hoch in den Himmel – passend zum Standort: Das Opernhaus liegt umtost von Wind und Wetter auf einer kleinen Landzunge direkt am Hafen. Dass es vierzehn Jahre dauern sollte, bis dieses spektakuläre Bauwerk 1973 eröffnet werden konnte, das hat sich anfangs niemand träumen lassen…

Doch der Reihe nach: 1918 wurde in Kopenhagen Jørn Utzon, der Sohn eines Yachtkonstrukteurs geboren. Es heißt, er sei kein guter Schüler gewesen, später wurde er wegen schlechter Noten sogar an der Offiziersschule abgelehnt. 1937 begann er sein Architekturstudium, er arbeitete bei Architektur-Berühmtheiten wie Alvar Aalto und Frank Lloyd Wright. 1950 gründete er sein eigenes Büro und beschäftigte sich fast nur mit Wohnungsbau.

Das sollte sich 1957 schlagartig ändern: Als No-Name beteiligte er sich an einem internationalen Wettbewerb für das Opernhaus Sydney. 233 Vorschläge aus 28 Nationen wurden eingereicht. Aber sein Entwurf faszinierte die Jury am meisten: Sein Opernhaus war eine ausdrucksstarke, riesige Skulptur und brach mit dem allgemeinen Rationalismus des internationalen Architekturstils. Das war etwas völlig Neues, Bahnbrechendes, Visionäres in der damaligen Zeit! Und dabei erfüllte sein Entwurf noch nicht einmal die strengen Auflagen eines Wettbewerbsbeitrags – er hat offensichtlich nur eine recht grobe Skizze eingereicht. Die Entwurfszeichnung war mehr eine große Orientierung als ein umsetzbares Konzept.

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1959 war Baubeginn. Die statischen Berechnungen erstellte der junge Ingenieur Ove Arup mit seinem Büro. Die Folgejahre waren Jahre der Neuberechnung. Denn die anspruchsvolle Statik der gekrümmten Schalen des Daches – so wie sie der Erstentwurf vorsah – bereiteten große Probleme. Der Ingenieur konnte diese Formen nicht berechnen! Die komplexe Geometrie des Daches wurde in sechs Jahren über zwölf Mal neu berechnet, mit Lochkarten gesteuerte Computer brauchten 18 Monate, um die Krümmungen und die Statik aller Dächer zu berechnen, 44 Zeichner waren mit rund 1700 Planzeichnungen beschäftigt! Die ursprüngliche, flachere Figur der Oper wandelte sich in steilere, aufrechtere Dachhauben.

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Was für ein Kostenfaktor! Eine regelrechte Kostenexplosion! Es waren zunächst 3,5 Millionen Dollar veranschlagt, als sie bei 57 Millionen Dollar angelangt waren, wurde die Reißleine gezogen. Utzon wurde aufgefordert, seine Pläne zu verschlanken. Aber er weigerte sich insbesondere, bei der Ausstattung Kompromisse zu machen. Das hatte ernste Konsequenzen: Utzon und wurde 1966 durch die neue Regierung des Bundesstaates von News South Wales von dem Projekt ausgeschlossen. Utzon hat danach nie wieder australischen Boden betreten.

Australische Architekten und der Ingenieur Ove Arup brachten das Werk zu Ende: Die Dächer der Oper bestehen aus symmetrischen Beton-Schalenpaaren, die jeweiligen Hälften sind fächerartig gestaltet und liegen an nur einem Punkt auf. Sie haben alle die gleiche Krümmung als wären sie alle aus derselben Kugel herausgeschnitten worden. Die hintereinander liegenden Schalen stützen sich gegenseitig. 2007 wurde das Opernhaus übrigens zum UNESCO Welterbe ernannt.

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