Nicht lebensmüde, sondern umtriebig: Kunst am Bau

Es ist ein Rundumblick auf die praktizierte Baukultur des Landes: Das M:AI zeigt in seiner neuen Online-Sammlung „Kunst und Bauen in NRW“ Projekte, bei denen Bauwerk und Kunstwerk eine gelungene Verbindung eingegangen sind. Deutlich wird: Kunst am Bau ist vielfältig, in Bewegung und eine Einladung an die Nutzer der Bauwerke, aber auch deren Besucher, Architektur durch die Kunst neu wahrzunehmen. Die Online-Sammlung wird fortlaufend aktualisiert. Ergänzend dazu gibt es auf „Kunst und Bauen in NRW“ Neuigkeiten sowie Geschichten rund um das Thema.

Kopfschütteln. So reagieren Menschen oft, wenn sie nach Kunst am Bau gefragt werden. Das Pendel der Wert- und Geringschätzung schwingt hin und her, still steht es aktuell nicht. Dabei war jahrhundertelang Kunst und Bau eine Selbstverständlichkeit: der Architekt arbeitete Hand in Hand mit Malern, Bildhauern und Stuckateuren. Das Bauwerk verstanden sie als Gesamtkunstwerk. Nach dem Zweiten Weltkrieg belebten junge Architekten diesen Gedanken wieder. So schufen zum Beispiel Werner Ruhnau, Yves Klein, Jean Tinguely, Norbert Kricke, Paul Dierkes und Robert Adams mit dem Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen ein beeindruckendes Gesamtkunstwerk. Dieses Selbstverständnis ist nicht nur den Betrachtern und Nutzern, sondern auch Architekten und Künstlern heute abhandengekommen.

Eine Auseinandersetzung mit Kunst

Das ist jedoch kein Argument gegen Kunst am Bau. Nicht immer mag Betrachtern das Kunstwerk gefallen, es erregt vielleicht sogar Unverständnis, sorgt für Ratlosigkeit. Das mag aber auch auf die Architektur zu treffen. Eines ist damit auf jeden Fall erreicht: eine Auseinandersetzung gleichermaßen mit dem Bauwerk und der künstlerischen Intervention. Der Künstler lässt sich auf den architektonischen Ort und die Funktion oder Bedeutung eines Bauwerks ein.

Bohne, Foto: Gereon Krebber

Die „Bohne“. Foto: Gereon Krebber.

Anschaulich ist dies im Foyer des Neubaus des Biowissenschaftlichen Zentrums in Köln. Dort hat der Künstler Gereon Krebber 2009 eine Skulptur erbaut: eine 16 Meter lange grüne „Bohne“, die sich durch vier Stockwerke streckt. Die Jury des Projekts begründete die Wahl des Beitrags für die künstlerische Gestaltung so: Die „…gedankliche Verbindung zwischen der Bohne als einem Demonstrationsobjekt für die Mendelschen Gesetze und der Bestimmung des Gebäudes ist in der Skulptur einerseits treffend veranschaulicht, andererseits ironisch geistreich gebrochen.“ Mit Blick über die Grenzen von NRW ist ein Projekt in Berlin zu nennen, das eindrücklich die Möglichkeiten und die Wirkung von Kunst am Bau verdeutlicht: So schuf Via Lewandowsky für die Eingangshalle des Bendlerblocks in Berlin einen monumentalen roten Teppich. Als ein dekoratives Ausstattungsstück nimmt diesen der Besucher beim Betreten der Säulenhalle war. Blickt er jedoch von einem der oberen Galeriegeschosse auf den Teppich, so entpuppt sich dieser als eine genaue Luftaufnahme des kriegszerstörten Berlins. Die Geschichte des Bendlerblocks das Engste mit dem Militär verbunden und heute ist der Bendlerblock Gedenkstätte für den Deutschen Widerstand während des Nationalsozialismus.

Kunst am Bau als Medium

So ist Kunst am Bau ein Medium, ein Vermittler, der die architektonische Gestalt „vertieft“ und neue Kontexte eröffnet. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit Perspektiven und Zusammenhängen. Das Kunstwerk ist Teil des Bauwerks und es steht ihm gegenüber. Es kommentiert, ergänzt und wertet es. Vor allem übersetzt es zwischen Betrachter und Objekt, ermöglicht neue Perspektiven auf das Gebäude, seine Bedeutung und Nutzung. Und das ist es, was die vielleicht auf den ersten Blick zweideutige oder nicht klare, nur schwer verständliche Kunst am Bau ausmacht: Sie lässt die Menschen anders wahrnehmen und neue Positionen einnehmen.

Wie der Kunsthistoriker und -Kritiker Martin Seidel in seinem Vortrag „Kunst am Bau – Klotz am Bein?“ auf dem Kunst-am-Bau-Symposium des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW im Jahr 2013 sagte: „Kunst am Bau ist nicht mehr nur Kunst ‚am‘, sondern Kunst im, vor, um, über, unter und neben dem Bau.“ Man sollte hinzufügen: Es ist auch Kunst mit dem Bau. In jedem Fall soll Kunst am Bau ein eigenständiger Beitrag zur Bauaufgabe sein sowie deren integraler Bestandteil – so sieht es der entsprechende Leitfaden des Bundes vor.

Das M:AI zeigt Kunst und Bauen in NRW

Genau das möchte die Online-Sammlung des M:AI zeigen: Wenn Kunst und Bauen Hand in Hand gehen, entstehen bemerkenswerte Beispiele für einen erweiterten Begriff von Architektur und Kunst. In diesem Sinne veranschaulicht die Sammlung, welch wichtiger Beitrag hier in Nordrhein-Westfalen für die Baukultur geleistet wird. „Kunst und Bauen in NRW“ ist kein Rückblick. Es ist ein Rundumblick auf die Baukultur im Land, der zeigt: Es gibt viele Experimente, die sich lohnen, entdeckt zu werden. Die Sammlung soll auch Mut machen und private und öffentliche Bauherrn überzeugen, dass künstlerische Interventionen an, in, unter, neben und mit Bauwerken einen Mehrwert bedeuten können und sich letztendlich auch ökonomisch auszahlen.

Bauherrn, Architekten und Künstler finden auf unterschiedlichen Wegen zum richtigen Zeitpunkt im Bauprozess zueinander. Denn das Feld möglicher Kunst-am-Bau-Prozesse ist riesig: offene oder eingeladene Wettbewerbe, Direktvergaben (bei der ein Architekt fest mit einem Künstler zusammenarbeitet); Kommissionen oder Kuratoren, die den komplexen Prozess moderieren. Auch dieses Spektrum unterschiedlicher Formen der Zusammenarbeit möchte die Sammlung des M:AI verdeutlichen.

Die Vielfalt der Baukultur entdecken

Die Finanzierung der Kunst bleibt bei allen Bauprojekten eine schwierige Frage. Eine Prozentregelung, die sich am Bauvolumen bemisst, gilt für alle öffentlichen Bauten des Bundes. Viele Bundesländer hatten oder haben eine ähnliche Prozentregelung. So auch NRW bis zum Jahr 2001. Welche Finanzierungswege zukünftig zur Verfügung stehen, ist aktuell in der Diskussion um den Kulturförderplan des Landes zu sehen. Es ist eine Diskussion, welche die Offentheit für Kunst-am-Bau-Objekte beeinflussen wird.

Dennoch gibt es in NRW viele Kunst-am-Bau-Projekte, die darauf warten, entdeckt zu werden und die beweisen, was Martin Seidel in seinem Vortrag treffend formulierte: „Kunst am Bau ist nicht die lebensmüde Urgroßmutter der außermusealen Kunst, sondern deren umtriebige Schwester.“