Mit Folie den Raum erobern. Künstlerische Intervention am Bahnhof Hürth-Hermülheim

Den Bahnhof Hürth-Hermülheim verwandelten die Architekturstudenten der Alanus Hochschule in einen Kunstort und regten damit eine Diskussion über die Nutzung des leerstehenden Gebäudes an. Autorin Maria Gambino war bei den Gesprächen über Architektur und Raum dabei.

Im Zehn-Minuten-Takt wechselt das Publikum an der Haltestelle Hürth-Hermülheim. Den Menschen am Gleis der Linie 18 bietet sich an diesem kalten Februartag ein kurioser Anblick. Das seit Jahren brachliegende Bahnhofsgebäude gegenüber ist plötzlich belebt: Studenten und Dozenten des Fachbereichs Architektur der Alanus Hochschule sind hier am Werk. Mit Folie und Dachlatten ausgerüstet, wollen sie schrittweise den ungenutzten Raum erobern und dem trostlosen Gebäude ein neues Gesicht verpassen. Am fünften Tag ist die Kunst errichtet. „Wird die Gaststätte am Bahnhof wieder eröffnet?“, „Ist das eine Demonstration?“, „Was passiert hier?“ – die Menschen sind neugierig geworden. Bei der öffentlichen Präsentation der Installation treffen sich Experten, Studenten und Bürger und diskutieren über Architektur.

„Die temporäre Kunstinstallation am Hürther Bahnhof ist „Höhepunkt und Ergebnis eines Semesters Arbeit“, sagt Florian Kluge, Professor für Projektmanagement. Die Studenten haben sich mit Orten entlang der Straßenbahnlinie 18 beschäftigt, die ungenutztes Potenzial in der Region Köln-Bonn darstellen. Ihre Entwürfe sind im Gebäude ausgestellt, für Fragen aus dem Publikum stehen die Studenten Rede und Antwort.

Carolin Engels hat für das ehemalige Schwimmbad in Alt-Hürth eine Umnutzung als Markthalle entworfen, Walter Castillo am Eifelwall im Kölner Süden ein soziokulturelles Zentrum. Eine Jugendherberge in Alfter und ein interkulturelles Zentrum in der Bonner Nordstadt sind weitere Projektideen. In diesem „Durchfahrtsland“ fährt die Linie 18 täglich von Köln nach Bonn und zurück. Intensive Landwirtschaft, Verkehrsachsen, Industrie, verstädterte Dörfer und historische Kleinode bilden viele Kontraste auf engem Raum. Eine Region, die wächst. Umso mehr sprang den Studenten und Dozenten auf der Suche nach dem „passenden Ort“ für eine Kunstaktion der Leerstand des Bahnhofs Hürth-Hermülheim ins Auge.

Hürther bringen Ideen mit

Schon von Weitem entdecken Passanten die amorphen Konstruktionen aus Holz und Stretchfolie, die die Studenten und Dozenten vor dem Bahnhofsgebäude platziert haben. Immer mehr Objekte kündigen die künstlerische Verwandlung des Gebäudes auch von innen an. Ein Fahrrad ist vollständig in Plastikfolie gehüllt. Die Fenster scheinen aus dem Gebäude „herauszuwachsen“: Überdimensionale Würfel sind dort angebracht. Um ins Gebäude zu gelangen, müssen die Besucher einen schmalen Gang aus Holz und Folie passieren. Innen angekommen, stehen sie auf einer riesigen Landkarte. Die Besucher tapsen auf dem Plan der Region Köln-Bonn und können sich erst einmal verorten.

Ideen für das ungenutzte Bahnhofsgebäude haben die Bürger zuhauf. Für ein älteres Ehepaar hätte es so eine Wiederbelebung wie die künstlerische Intervention ruhig schon früher geben können: „Dieses Gebäude hätte auch längst als Hostel oder Studentenwohnheim dienen können.“ Ein Jugendarbeiter aus Hürth kann sich eine Außenwohngruppe für Jugendliche vorstellen. Für viele Besucher ist der Ort prädestiniert für Kunst und Kultur. Gäste und Experten wünschen sich einen gesellschaftlichen und belebten Treffpunkt. Die Zukunft aber ist ungewiss. „Die Kunstinstallation ist wie ein Nadelstich, der hoffentlich etwas bewirkt“, sagt Architekturprofessor Kluge.

Eins zu eins mit dem Raum

„Uns ging es vor allem darum, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen“, erklärt Kluge. Gerade an einem Bahnhof seien die Studenten völlig der Öffentlichkeit ausgesetzt. Hier müssten sie mit allen Reaktionen rechnen. Am Anfang waren die Passanten skeptisch und distanziert. „Erst als nach und nach klar wurde, dass es sich um Kunst handelt, wurden sie aufgeschlossener“, sagt Kluge.

Für die Studenten heißt öffentlich intervenieren studieren jenseits von Entwürfen und Plänen, erklärt Willem-Jan Beeren, Professor für Architektur und Kunst im Dialog. „Die Studenten stellen sich nicht nur vor, wie etwas in Zukunft aussehen wird, sondern arbeiten vor Ort.“ Gerade die Team- und Materialerfahrung hat sich den Studenten eingeprägt. „Wir arbeiten eins zu eins mit dem Raum und entwickeln ein Gefühl für die Materialien. Ich habe mich tagelang einer Deckenkonstruktion gewidmet und mit Holzlatten und Plastikfolie gearbeitet“, erzählt der Masterstudent Leif Czymmek. Darüber, dass die Teamarbeit harmonisch verlief, ist Kommilitonin Dilara Deren überrascht. „Der Raum war ungeheizt und wir hatten keinen konkreten Plan. Wir haben einfach losgelegt, die Teams und die Arbeiten haben sich frei entwickelt.“ Bevor die Studenten künstlerisch Hand anlegen konnten, mussten sie das triste Gebäude erst einmal von Müll und Spinnweben befreien. Willem-Jan Beeren resümiert: „Es war eine sehr intensive Auseindersetzung mit dem Raum.“

 

 Das Projekt „GrenzWertig“
Das Experiment am Hürther Bahnhof ist Teil der Projektreihe „GrenzWertig“ des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW (M:AI), das in Kooperation mit vier Hochschulen des Landes (Alanus Hochschule, RWTH Aachen, TH Köln, FH Dortmund) über vier Jahre durchgeführt wird. Die Idee: Architektur-Studenten sollen für ihre Projektideen auch Öffentlichkeit finden. Denn der Beruf des Architekten verlangt nicht mehr nur reizvolle Entwürfe, sondern auch kommunikative Fähigkeiten.

Text: Maria Gambino. An der Alanus Hochschule ist sie Volontärin für Kommunikation.

> Die nächste Veranstaltung des GrenzWertig-Projekts findet im Rahmen der Ringvorlesung „Bonner Orte. Anders. Sehen.“ von Alanus Hochschule (Fachbereich Architektur) statt: Am 25. April gibt es eine Vorlesung in der Straßenbahn Linie 18 mit dem Titel „Architektur im Gespräch zwischen Köln und Bonn“. Hinweis: Die Veranstaltung ist leider bereits ausgebucht.

> Der Text erschien im April 2017 im Alanus Magazin „Universalis“.

> Weitere Informationen zum Projekt „GrenzWertig“