Kunst am Bau – Klotz am Bein?

Alle können sie sehen, sie ist sehr öffentlich, sie ist alltäglich und wird von einer Vielzahl von Menschen beurteilt: Kunst am Bau hat im Laufe der Zeit die unterschiedlichsten Erscheinungsformen angenommen. Es lohnt sich, auf das gesamte Spektrum der Möglichkeiten zu schauen, die weit über das rein Applikative hinaus gehen.

„Kunst am Bau“ – das ist mittlerweile für zahlreiche Künstler und auch Architekten nicht mehr die richtige Wortwahl. Es klingt ein wenig nach nachträglich aufgebrachter, austauschbarer Dekoration an. Dass diese künstlerische Sonderdisziplin aber viel mehr kann, ist allen Seiten klar:

Kunst kann der Gebäudeaussage zuarbeiten,
sie überhöht,
sie kommentiert,
sie setzt sich auseinander,
sie steht gegenüber.

Dabei kann das Zusammenspiel von Architektur und Kunst eine besondere Strahlkraft erzeugen. Diese Kraft des Zusammenspiels scheint häufig weit über das jeweilige Gebäude hinaus in das Gesicht einer Stadt. Und dennoch hat es „Kunst und Bau“ als öffentliche Kunst schwer: Kunst gilt nicht als notwendige Leistung des Bauens und wird nur sehr selten als ökonomischer Zuwachs klassifiziert. Dies, obwohl viele Beispiele aufzeigen wie Kunst die Werthaftigkeit des Bauens steigern kann.

Ohne Kunst kein Bau!?

2013 veranstalteten das M:AI und die Architektenkammer NRW zwei Veranstaltungen gemeinsam mit Künstlern, Architekten, Stadtplanern, Auftraggebern und Kulturschaffenden, um die unterschiedlichen Sichtweisen zusammenzuführen und Wege für einen gemeinsamen Planungsprozess auszuleuchten. Auf dem ersten Symposium im Januar sprach auch der renommierte Kulturpublizist Martin Seidel über die Bedeutung von Kunst am Bau, ihre frühesten Beispiele und deren unterschiedliche Formen in der Geschichte und heute.

Der Vortrag zum Download:  Martin Seidel Januar 2013 – Kunst am Bau Klotz am Bein

Perspektiven einer unterschätzten Gattung

Im März/ April 2012 listet der Kunstpublizist Martin Seidel in seinem Aufsatz „Kunst am Bau – Klotz am Bein? Perspektiven einer unterschätzten Gattung“ die verschiedenen Möglichkeiten von Kunst und Bauen auf:

Da gibt es die autonomen Ansätze, bei denen Künstlerpersönlichkeiten Arbeiten ohne spezielle Vorgaben liefern. So zum Beispiel der Bundesadler, den Markus Lüpertz 2005 für den Bundesgerichtshof in Karlsruhe entwickelte oder sein „Herkules“ (2010) für das Dach des Förderturms der ehemaligen Zeche Nordstern in Gelsenkirchen.

Kulturpublizist Martin Seidel auf dem Kunst am Bau-Symposium im Januar 2013. Foto: Ralf Schuhmann

Kulturpublizist Martin Seidel auf dem Kunst am Bau-Symposium im Januar 2013. Foto: Ralf Schuhmann

Bei den symbiotischen Ansätzen verschmelzen Architektur und Kunst miteinander: Fresken, Mosaiken, Reliefs oder Wandpaneele gehören dazu. Dabei kann sich die Kunst manchmal so mit dem Gebäude verbinden, dass man sie kaum noch wahrnimmt. Zwei Beispiele: die Verkleidung der Oper Oslo mit Aluminiumplatten, auf denen ein blindenschriftähnliches Muster aufgebracht ist (Astrid Løvaas / Kirsten Wagle) und die Platzgestaltung vor dem Audimax der Bochumer Ruhr Universität von Erich Reusch, die ursprünglich mit Wasser gefüllt war.

Bei funktionsorientierten Ansätzen übernehmen Kunstwerke Aufgaben im Rahmen der Architektur. Zwei Parabeln aus Stahlrohr im Eingangsbereich der Fakultät für Mathematik und Informatik der TU München nehmen Bezug zum Gebäudeinhalt auf und dienen zugleich als Rutschen. In diese Kategorie gehören auch von Künstlern entwickelte Leit- und Orientierungssysteme.

Kunst als Intervention setzt stärker auf die Wahrnehmungsänderung und stellt eine Themenbrücke zum historischen oder räumlichen Kontext her. Dazu gehören Lichtinstallationen als ästhetische Interventionen wie zum Beispiel von Keith Sonnier der Lichtweg am Münchener Flughafen. Oder städtebauliche Interventionen, deren „…Bandbreite reicht von selbstreferentieller Kunst bis hin zu memorial-appelativen und engagiert-kritischen Arbeiten mit einer dezidiert politischen oder gesellschaftspolitischen Ikonographie“, so Martin Seidel. Als geschichts- und gesellschaftskritische Intervention ist der Rote Teppich von Via Lewandowsky im Bundesministerium für Verteidigung (2003) einzuordnen. Er zeigt eine Luftansicht des zerbombten Berlins. Als soziale Intervention mit Partizipation ist zum Beispiel der Hustadt Pavillon anzusehen, den die Künstlerin Apolonija Šušteršic zusammen mit Anwohnern einer Hochhaussiedlung entwickelt hat.

Und es gibt natürlich die Image fördernden Kunst-Ansätze, wie bei dem Post Tower in Bonn, bei dem Lichtspiele des französischen Künstlers Yann Kersalé zu sehen sind.

 

Zur Person: Martin Seidel

Dr. phil. und Dipl. Kulturmanager / VWA
Kunsthistoriker, Kunst- und Architekturpublizist, Kunstkritiker

Martin Seidel arbeitet seit 1998 als ständiger Autor für „Kunstforum International“, außerdem schreibt er für diverse Tages- und Wochenzeitungen und Zeitschriften. Von 2000-2009 war er Redakteur bei der BDA-Zeitschrift „Der Architekt“ und der Publikation „Demokratie der Architektur“. Er beschäftigte sich schon früh mit dem Thema „Kunst und Bauen“ , kann auf eine Reihe von Publikationen und Expertisen in diesem Bereich blicken (Auszug):

2007: Autor des Dokumentationsteils der BMVBS-Publikationen  „Kunst am Bau: Projekte des Bundes 2000-2006“
2012: Mitherausgeber und Autor der Kunstforumsbände „Schönheit“
Mitherausgeber und Autor „Prozentkunst. Kunst am Bau in Bewegung“
2013: Autor des Dokumentationsteils der BMVBS-Publikationen „Kunst am Bau: Projekte des Bundes 2006-2012“
Darüber hinaus schrieb er wissenschaftliche Studien und Veröffentlichungen zu Kunst und Kunsttheorie von Renaissance und Manierismus, klassischer Moderne, sowie zeitgenössischer Kunst.

 

Das Beitragsbild zeigt das Kunstwerk „Green Organs“ von dem Künstler Shimon Drory.