Europas architektonische Herausforderungen: Massenwohnungsbau und Erinnerungskultur

Noch Anfang des Jahres zeigte das M:AI NRW in der von Ludwig Mies van der Rohe erbauten Färberei der ehemaligen Verseidag in Krefeld die Projekte des „Mies van der Rohe Award 2015“. Am vergangenen Wochenende ging es nun bereits weiter und um die Entscheidung für Europas bedeutendsten Architekturpreis – den Mies Award für 2017. Ein Überblick der Finalisten.

Die Jury unter dem Vorsitz von Stephen Bates, einem renommierten britischen Architekten, bereiste am vergangenen Wochenende die fünf Projekte der engeren Wahl. Es gehört zu den herausragenden Merkmalen des Preises, dass die Jury sich ein eigenes Bild vor Ort macht und sich das jeweilige Projekt von den Architekten und Bauherrn erläutern lässt. Erst mit den Eindrücken dieser Bereisung fällt die endgültige Entscheidung für das Siegerprojekt. Eine Besonderheit: In diesem Jahr sind die Vorträge der Architekten erstmals auch für die Öffentlichkeit zugänglich. Die Auszeichnung und damit die baukulturellen Leistungen, die mit dem Preis alle zwei Jahre gewürdigt werden, sollen so den Bürgern Europas näher gebracht werden.

 

Wohnen als Thema der Finalisten des Mies Award 2017

Zwei der ausgewählten Projekte sind Wohnungsbauprojekte, und das verwundert derzeit nicht, denn der Massenwohnungsbau ist eine der dringendsten gesellschaftlichen Aufgaben. „deFlat Kleiburg“ in Amsterdam ist sicher eines der spannendsten Projekte. Der Wohnblock ist 400 Meter lang, zehn Geschosse hoch und hat 500 Wohneinheiten. Die Kleiburg entstand im Rahmen der viel diskutierten Amsterdamer Stadterweiterung Bijlmermeer in den späten 1960er-Jahren. Jetzt wurde der Block von NL Architects und XVW architectuur saniert und die Bewohner und neuen Mieter hatten die Chance, den Innenausbau selber zu bewerkstelligen. „Ely Court“ im Süden Londons mit 43 Wohneinheiten ist dagegen ein Zwerg. Das Projekt von Alison Brooks Architects aber leistet einen wichtigen Beitrag zur Revitalisierung eines Stadtteils.

Beeindruckende Museumsbauten fehlen fast nie unter den Mies-Finalisten. Die beiden 2017er-Museumsbauten sind jedoch in erster Linie Gedenkstätten. Das Katyn Museum in Polen von BBGK Architekci, das in der Zitadelle von Warschau eingerichtet wurde, erinnert an die Ermordung von über 4.000 polnischen Intellektuellen und Offizieren während des Zweiten Weltkrieges. Rudy Ricciotti grub einen 240 Meter langen Betonblock in die Erde, dort wo sich einst das französische Militär- und Internierungslager „Joffre“ in der Nähe von Perpignan befunden hat. Es diente ab 1942 als Sammellager für Juden aus Deutschland und Frankreich.

 

Das fünfte Projekt ist eine Art Gemeindehaus – „Kannikegården“ im historischen Stadtkern in Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks. Gegenüber der mittelalterlichen Kathedrale gelegen, fügt sich der Bau mit seiner klaren Kubatur und einem zeitgenössischen Umgang mit dem tradierten Material Ziegel selbstbewusst in den historischen Kontext ein.

 

Kannikegården in Dänemark, eine Art Gemeindezentrum. Foto: © Anders Sune Berg.

Kannikegården in Ribe, Dänemark, ist eine Art Gemeindezentrum. Foto: © Anders Sune Berg.

 

Für mehr Erinnerungskultur

Die fünf Finalisten des jeweiligen „Mies Award“ sind immer ein Spiegel aktueller Herausforderungen und Themen in Europa. Malgorzata Omilanowska, ehemalige Kulturministerin in Polen und Mitglied der Jury, fasst es für die fünf Finalisten von 2017 so zusammen: „Die Projekte der Finalisten veranschaulichen die Probleme unserer Zeit. Diese sind ein zunehmender Populismus und ein Mangel an Erinnerungskultur. Die fünf Projekte zeigen die Herausforderungen, vor denen wir als Bürger, nicht nur als Architekturspezialisten stehen, sondern als Mitglieder der Gesellschaft.“

 

Text: Ursula Kleefisch-Jobst, Titelfoto: The Rivesaltes Memorial Museum in Frankreich, © Kevin Dolmaire

> Mehr Informationen zum Mies van der Rohe Award 2015

> Informationen zum Mies Award 2017