Ursula Kleefisch-Jobst, Geschäftsführende Kuratorin des M:AI

Im letzten Teil der Interview-Serie „Drei Fragen an …“ zur Ausstellung „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar“ sprechen wir mir Ursula Kleefisch-Jobst über das Format Ausstellung und warum sozialer Wochnungsbau ein wichtiges gesellschaftliches Thema ist.

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Frau Kleefisch-Jobst, Wohnen ist durch die vielen Menschen, die nach Deutschland flüchten und einwandern, aktuell ein großes Thema für die Gesellschaft und Politik. Was dies auch der Auslöser für die Ausstellung „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar.“?

Ursula Kleefisch-Jobst: Die Flüchtlinge haben das Problem, dass in Deutschland seit Jahren bezahlbarer und sozialer Wohnungsbau fehlt, erst richtig deutlich gemacht. Und sie haben die öffentliche Debatte über das Thema verstärkt, aber sie haben den Mangel nicht ausgelöst. Wir beim M:AI beschäftigen uns schon länger mit dem Thema, weil Wohnungsbau und Wohnkonzepte den Einzelnen betreffen und für breite Schichten der Gesellschaft zu allen Zeiten von großer Bedeutung sind. Als Architekturmuseum interessiert uns dabei besonders die Frage, welche städtebaulichen und architektonischen Qualitäten hat bezahlbarer und staatlich geförderter Wohnungsbau – und welche sollte er in Zukunft haben.

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Das Thema Wohnen ist komplex und die damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Probleme groß. Es werden Studien verfasst, Manifeste geschrieben, Rechte eingefordert, gegen zu hohe Mieten protestiert, politische Maßnahmen verabschiedet, um bezahlbare Wohnungen zu schaffen. Wieso ist eine Ausstellung dafür das richtige Format?

Ursula Kleefisch-Jobst

Ursula Kleefisch-Jobst, Generalkuratorin des Museums für Architektur und Ingenieurkunst NRW.

Ursula Kleefisch-Jobst: Im letzten halben Jahr ist eine große Zahl an Medienberichten und Publikationen zu dem Thema erschienen, die sich jeweils mit bestimmten Aspekten und Fragestellungen rund um das Wohnen beschäftigt haben. Warum in der Tat das Medium Ausstellung? Eine Ausstellung eröffnet die Möglichkeit, Themen in ihrer Komplexität plakativ und wie bei einem Puzzle in einzelnen kleinen Teilen aufzubereiten. Beim Rundgang durch die Ausstellung setzt sich dann das gesamte Bild im Kopf des Besuchers zusammen. Der Einsatz von unterschiedlichen Medien wie Fotografien, Zeichnungen, Plänen, Hör- und Filmstationen, größeren und kleineren Texten, aber auch spielerischen Elemente tragen dazu bei, „unbemerkt“ viele, oft unterschiedliche Information aufzunehmen.

Die Ausstellung „Alle wollen wohnen“ kann das umfangreiche Thema nicht erschöpfend behandeln. Und das soll sie auch nicht. Sie soll vielmehr dazu anregen, sich je nach persönlichem Interesse mit dem einen oder anderen Aspekt zu beschäftigen. Fördern wollen wir vor allem die Diskussion zwischen Politikern, der Wohnungswirtschaft, Architekten, Stadtplanern, Bauherrn und Bewohnern – allen Akteuren des Wohnungsbaus. Dazu soll auch der ungewöhnliche Ausstellungsort auf dem Gelände der ehemaligen Gummiwerke Clouth in Köln beitragen, wo zurzeit unterschiedlicher Wohnungsbau realisiert wird.

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Was ist für Sie das Spannende am Thema Wohnen? Welcher Befund, der auch in der Ausstellung zu sehen ist, hat Sie am meisten überrascht?

Ursula Kleefisch-Jobst: Es war von Anfang an klar, dass wir uns auch mit der Geschichte des sozialen Wohnungsbaus beschäftigen würden. Denn die Weimarer Reichsverfassung legte erst das Fundament für eine staatliche Wohnraumvorsorge. Architekten, Stadtplaner, Politiker und Sozialreformer entwickelten Lösungen für Herausforderungen, die heute immer noch oder wieder aktuell sind: Wie kann preiswerter Baugrund für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung gestellt werden? Wie können Baukosten im Massenwohnungsbau gesenkt werden durch Vorfabrikation, serielles Bauen oder sogar Selberbauen? Was sind angemessene Wohngrundrisse? Wie wird in Siedlungen und Quartieren der Freiraum als Gemeinschaftsraum gestaltet?

Die Nachkriegsjahrzehnte brachten die Aspekte Urbanität und Dichte in die städtebauliche Debatte. Mit dem Trend der letzten Jahre zurück in die Innenstädte und Ballungsräume zu ziehen, hat die Frage nach Urbanität und Dichte eine neue Dimension gewonnen. Viele Debatten zum Wohnungsbau im 20. Jahrhundert sind heute wieder aktuell und wir könnten von den damaligen Lösungen lernen. Aber deutlich auch gewordern: Wir müssen mit den Wohnungsbauten von damals angemessen umgehen.

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