Stefan Nowak, Ausstellungsgestalter

Im dritten Teil der Interview-Serie mit den Machern von „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar“ sprechen wir mit Stefan Nowak vom Düsseldorfer Büro nowakteufelknyrim, den Gestaltern der Ausstellung: Wie bringt man das Thema Wohnen in Form? Welche Rolle spielen die schiefen Häuser und welche Ideen flossen in die Gestaltung mit ein.

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Der Begriff Wohnen ist vielfältig, vage und allumfassend. Daneben umfasst die Gestaltung einer Ausstellung mehr als nur die Architektur. Hinzu kommt auch Grafik, der Einsatz von verschiedenen Medien oder die Gestaltung von Räumen. Wie haben Sie das Thema „Wohnen“ inszeniert und es in eine visuelle Sprache für die Ausstellung übersetzt?

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Hat die Ausstellung mit seinen Kollegen gestaltet: Stefan Nowak von nowakteufelknyrim. Foto: ntk.

Stefan Nowak: Der begehbare Raum verkörpert die Sehnsucht nach einem Zufluchts- und Rückzugsort, der in jedem von uns steckt. Somit lag es auf der Hand, für diese Ausstellung über den Ausstellungsraum hinaus, separate, begehbare Räume zu entwickeln, die ein Innen und ein Außen spürbar machen – anders als bei konventionellen Stellwänden oder freistehenden Ausstellungs-modulen, die nur ein „davor“ und „dahinter“ kennen. Zugleich wird die Grenze zwischen innen und außen, zwischen privat und öffentlich durch die Verformung und die ungewöhnlichen Öffnungen in Frage gestellt.

Die polygonalen Flächen, aus denen die fünf unterschiedlichen Häuser zusammengesetzt sind, werden durch die Dichte und Struktur der fünf Themenbereiche bestimmt. Die visuelle Sprache ist bewusst einfach gehalten, um den archaisch anmutenden Stil der Körper mit ihren plakativen Farben im Inneren und der rauen hölzernen Schale außen zu unterstützen. Zudem wollten wir uns mit der simplen, monochrom gehaltenen Gestaltung bewusst von einer bunten, lustigen Bilderwelt distanzieren.

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Eine Grundidee von „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar“ ist die Form des Hauses. Welche Rolle spielt das Haus in der Ausstellung?

Stefan Nowak: Am Anfang der Konzeption stand die Überlegung: Was repräsentiert formal die Sehnsucht nach den eigenen vier Wänden und dem Dach über dem Kopf? So kamen wir auf die Idee, die prototypische Idealform des Hauses als Grundform zu nutzen: Wände plus Dach, fertig ist das Haus – wie beim allseits bekannten „Haus vom Nikolaus“. Im nächsten Schritt haben wir das Haus bewusst verformt, verdreht und aus dem rechten Winkel gerückt. Durch die Verformung erinnert die Kubatur zum einen an die Urform des Wohnens, an eine Höhle, an einen Kokon, an Virtruvs idealisierte Urhütte[*]. Und auch an ein Zelt. Was wiederum auch einen ganz aktuellen Bezug herstellt zur Unterbringung von Flüchtlingen in den Notunterkünften.

Zum anderen stellen die schiefen Winkel und schrägen Flächen unsere Denkmuster in Frage: Was für ein Objekt betrete ich denn da als Besucher der Ausstellung? Wann ist ein Raum ein Raum? Welche Form hat denn das Grundbedürfnis an Wohnraum eigentlich heute noch? Wie sieht die Zukunft des sozialen Wohnraums aus? Und wie formen und verändern Gesetze, Spekulation und Mode das Wohnen?

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Die Ausstellungen des M:AI sind oft an mehreren Orten zu sehen. Auch „Alle wollen wohnen. Gerecht. Sozial. Bezahlbar“ wird voraussichtlich wandern. Welche Herausforderungen hatten Sie dadurch bei der Ausstellungsgestaltung zu meistern?

Stefan Nowak: Aus der Form des begehbaren Moduls haben wir Räume geschaffen, die an jedem Ort stehen können, unabhängig von der jeweiligen Umgebung. Eine große Herausforderung bei konventionellen Wanderausstellungen ist ja, dass eine „offene“ Ausstellungsstruktur je nach Größe und Volumen mit den unterschiedlichen Weiten oder der Beschaffenheit der wechselnden Ausstellungsorte kollidiert: Mal passt es ästhetisch ganz gut, beim nächsten Mal verliert sie sich.

Bei den fünf Häusern von „Alle wollen wohnen“ ist das ganz anders: Sie bilden ihre eigene Struktur, bilden zusammen ein Siedlung, mal dichter, mal weniger dicht – je nach Kapazität des Raumes. Es gibt natürlich eine Mindestanforderung an die Stellfläche, die Konfiguration selbst ist aber flexibel; so lassen sich die fünf Häuser zum Beispiel auch in einer langen Reihe hintereinander aufstellen. Und natürlich sind die Häuser sind in kleinere Segmente zerlegbar, damit sie auch transportierbar bleiben und in Lastenaufzüge passen.

 

[*] Das Bild der Urhütte geht auf den römischen Architekten Vitruv zurück, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte.

 

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