Blick über die Alpen: das Staunen über Schweizer Architektur

Wenn im Gelsenkirchener StadtBauRaum Schweizer Architekten ihre Vorstellungen und Haltungen präsentieren und diskutieren, betten sie sich zugleich ein in den Diskurs über die Art und Weise, wie Schweizer Architektur ist oder zu sein scheint. Anlässlich der Ausstellung „Positionen Schweizer Architekten“ des M:AI (18. Oktober bis 8. November 2015), richtet das Blog seinen Fokus auf die Frage: Was ist das Besondere an Schweizer Architektur? Denn dieses „Eigene“ ist der Boden, auf dem die Auseinandersetzung der fünf jungen Architekturbüros aus der Schweiz stattfindet.

 

Blickt man von Deutschland aus auf die Schweizer Architekturszene, so sind es zwei Aspekte, die einen immer wieder in Staunen versetzten: Moderne und zeitgenössische Architektur gibt es nicht nur in den größeren Städten, sondern auch in den entlegensten Bergdörfern und unvermittelt am Wegesrand. Am Ende des schmalen Tals von Vals in Südtirol erwartet niemand ein meditatives Thermalbad, das wie aus einem riesigen Felsblock herausgehauen zu sein scheint. Dieses Bad machte den in Graubünden lebenden Architekt Peter Zumthor international bekannt.

Am Eingang des kleinen Dorfes Appenzell, eher bekannt wegen seines Käses, lagert ein glitzernder Baukörper mit spitzen Sheddächern, die an Bergipfel erinnern: das Kunstmuseum Appenzell der beiden Züricher Architekten Gigon & Guyer.

Ob Kulturbauten, Kapellen oder Privathäuser – ganz selbstverständlich stehen moderne Bauten im Einklang oder auch im Kontrast mit den traditionellen Bauernhäusern. Gemeinsam aber ist tradierten wie zeitgenössischen Bauten stets der Bezug zur Landschaft und lokalen Geschichte. Hinzu kommt eine sorgfältige Bauausführung, ein handwerklich gekonnter Umgang mit dem Material, sei es nun Holz, Ziegel, Naturstein oder Beton, so dass Betrachter die sprichwörtliche Schweizer Präzision und den Anspruch an Qualität begreifen und erfahren. Es ist dieses Gespür für die Sinnlichkeit der Materialien, das einen immer wieder verblüfft und begeistert.

Die Architektur der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart basiert auf zwei Fundamenten: der Klassischen Moderne und dem italienischen Rationalismus mit seinen Typologien. Bei aller Verschiedenheit im architektonischen Ausdruck der Schweizer Architekten ist so doch eine gewisse Kontinuität zu verspüren. Weder Technikeuphorie noch effektheischende formale Lösungen kennzeichnen die Schweizer Architektur im eigenen Land. Das ist etwas anders, wenn sich zum Beispiel die Schweizer Stars Herzog & de Meuron auf dem internationalem Parket bewegen, sei es die Elbphilharmonie in Hamburg oder das sogenannte „Vogelnest“, das Olympia-Stadion in Peking.

Umbau statt Neubau und minimalistische Entwürfe

Unter den jüngeren Schweizer Architekten zeigt sich eine bewusste Hinwendung zum „einfachen Bauen“: Schlichtheit, einfache Konstruktionen, vertraute Materialien, Umbau statt Neubau, sogar finanzielle Einschränkungen werden als Herausforderung angesehen und der Architekt versteht sich zunehmend als Moderator eines gesellschaftlichen Prozesses. Prägend für die Schweizer Architekturszene sind bis heute die drei wichtigen Architekturschulen des Landes: die ETH Zürich, die Accademia di Architettura in Mendrisio und die  Polytechnische Hochschule in Lausanne (EPFL).

Wer sich weiter mit der Schweizer Architektur beschäftigen möchte, hier ein Tipp: Am Dienstag, 20. Oktober, spricht Hubertus Adam, Direktor des Schweizer Architekturmuseums (S AM), zur Entwicklung und Geschichte der Schweizer Architektur. Der Vortrag findet um 19 Uhr im Rahmen des „architectural tuesday“ an der TH Köln statt.

Text: Ursula Kleefisch-Jobst.
Foto des Thermalbads in Vals von Peter Zumthor (ganz oben): fcamusd, via Flickr, CC BY 2.0