0101_Doppelbogenbruecke_im_Nordsternpark___SG-070710GEL-001532_Stadt-Gelsenkirchen_Foto_Werner-Dehmelt

»TRAGENDE LINIEN UND TRAGENDE FLÄCHEN«

Konstruktionsprinzipien im Werk von Stefan Polónyi

Er zählt zu den wegweisenden Ingenieuren des späten 20. Jahrhunderts: Stefan Polónyi. Gestalt und Material in einen Dialog zu bringen, ist für ihn bei jeder Bauaufgabe eine Herausforderung. Die Ausstellung, die das M:AI in Kooperation mit der TU Dortmund (A:AI) entwickelt hat, veranschaulicht an einigen seiner Projekte verschiedene Arten von Tragwerksplanung.

Die Lehre
Nach seinem Studium in Budapest, der Gründung seines Büros in Köln Ende der 1950er Jahre, einer späteren Lehrtätigkeit in Berlin kommt Stefan Polónyi 1971 an die Universität Dortmund. Und dort erfährt die Lehre wesentlich durch ihn eine Neuausrichtung: Das „Dortmunder Modell“ brachte die beiden Studiengänge Architektur und Bauingenieurwesen zusammen, ohne die Profile beider Disziplinen aufzulösen. Damit speiste Polónyi seine Auffassung von der Arbeit eines Ingenieurs in die Ausbildung mit ein: die Wechselwirkung mit der Architektur zu suchen, um Gestalt und Tragwerk zu einer eigenen Ästhetik zu verbinden. Mit dieser Herangehensweise hat er viel Kritik aus den eigenen Reihen provoziert. Für viele Architekten hingegen war die Zusammenarbeit mit ihm eine Bereicherung. Mittlerweile befindet sich Polónyis Vorlass im A:AI an der TU Dortmund. Dieses umfangreiche Material bildet die Grundlage für die wissenschaftliche Erarbeitung der Ausstellung und wird in Teilen erstmals in der Ausstellung zu sehen sein. Außerdem befinden sich in Dortmund einige seiner wichtigsten Bauten, so der Stadtbahnzugang Reinoldi oder die Berswordt-Halle.

Die Modelle
Anhand von interaktiven Modellen werden die grundsätzlichen Wirkmechanismen von Tragen und Lasten nachvollziehbar und ihre Umsetzung in den wichtigen Tragwerkslösungen von Polónyi veranschaulicht. Wie wirken Zug- und Druckkräfte, wie lassen sie sich auf Materialien und Form verteilen? Wie werden die Kräfte von Tragen und Lasten optimal im Tragwerk eines Gebäudes umgesetzt? Welche Tragwerkslösung setzt den architektonischen Entwurf am besten um? Bei diesen Ausstellungsmodellen handelt es sich nicht um digitale Modelle, sondern um rund 10 Objekte zum Anfassen. Hier wird zum Beispiel deutlich, dass sich extremer Druck auf eine Säule anders als auf einen Pfeiler auswirkt: Die runde Form kann fünfmal mehr tragen als eine vergleichbare Vierkant-Form. Die Modelle wurden von Architekturstudierenden der TU Dortmund entwickelt und im Rahmen eines Modellbauseminars gefertigt.

Die Ausstellung

Polónyi hat in den 1990er Jahren zahlreiche, gut sichtbare Spuren besonders im Ruhrgebiet hinterlassen: Dazu gehören unter anderem die Brückenkonstruktionen, die er für einige IBA-Projekte entwickelt hat. Aber auch aus anderen Schaffensphasen in seinem Gesamtwerk werden Projekte gezeigt, die die Umsetzung von Konstruktionsprinzipien in Tragwerkslösungen vertiefen. Dabei werden die Entwurfsprozesse transparent. Gezeigt wird, wie Polónyis Tragwerkslösungen die ursprüngliche Entwurfsidee der Architekten beeinflussten, modifizierten oder sogar veränderten. „Tragende Linien und tragende Flächen“, die Grundprinzipien von Tragwerken dienen zur Systematisierung der Präsentation: Gerade tragende Linien sind das Konstruktionsprinzip beim Systembau der Metastadt Wulfen , gekrümmte Linien bei der markanten Brücke über den Rhein-Herne-Kanal auf dem Bundesgartenschaugelände 1997, heute Nordsternpark in Gelsenkirchen. Ebene Flächentragwerke als Stahlbeton-Faltkonstruktionen setzte Polónyi für eine Vielzahl von Tankstellen-Dächern ein. Gekrümmte Flächentragwerke, also Schalen, sind bei der Vorhallenüberdachung des Kölner Hauptbahnhofs zum Einsatz gekommen und als Betonausführung bei der Kirche St. Suitbert in Essen. Die Ausstellung zeigt die vielfältigen baulichen Lösungen, zu denen Polónyi im Laufe seines langen Arbeitslebens mit unterschiedlichen Architekten gefunden hat.




MUSEUM FÜR ARCHITEKTUR


UND INGENIEURKUNST NRW


Leithestraße 33
T +49 209 92578-0
info@mai.nrw.de
D-45886 Gelsenkirchen
F +49 209 92578-25
www.facebook.com/mai.nrw