Architektur fotografieren. Der Architekturfotograf – der Zwillingsbruder des Architekten.

Wenn der Name eines bekannten Bauwerks fällt, dann entsteht sofort ein Bild in unserem Kopf. Dieses Bild teilen wir mit vielen anderen Menschen, und je eindrücklicher es ist, desto mehr verselbstständigt es sich, entfernt sich von dem realen Bauwerk. Oftmals haben wir schon ein Bild im Kopf, bevor wir ein Bauwerk kennenlernen. Dann passiert es nicht selten, dass das Bild und die Realität nicht genau übereinstimmen: der Bau ist größer oder kleiner, transparenter oder abweisender … Die Bilder von Bauwerken prägen die Architekturfotografen. Der Architekturfotograf ist der Zwillingsbruder des Architekten.

Das Fotografieren – das ins Bild setzen – eines Bauwerks war daher schon immer von besonderer Bedeutung für die Architekten. Nicht selten lassen Architekten ihre Werke stets von ein und demselben Fotografen aufnehmen. Eine einheitliche Bildsprache verleiht dem Werk Kontinuität.

Das Zwischengeschoss mit Blick auf das Foyer im Mannesmannhochhaus ca. 1959, Foto Nachlass Inge Goertz-Bauer, Landesarchiv NRW

Das Zwischengeschoss mit Blick auf das Foyer im Mannesmannhochhaus ca. 1959, Foto Nachlass Inge Goertz-Bauer, Landesarchiv NRW

Auch Paul Schneider von Esleben legte von Anfang an besonderen Wert auf die fotografische Dokumentation seiner Bauwerke. So ließ er seine frühen Schulbauten von dem bekannten Fotografen Albert Renger-Patzsch (1897-1906) fotografieren. Dieser hatte sich bereits in den späten 1920er Jahren einen Namen gemacht mit seinen Fotografien von Industriebauten im Ruhrgebiet. Seine Fotos beeindrucken durch die Einfachheit und Klarheit ihrer Bildsprache. So fotografierte Renger-Patzsch auch Paul Schneider von Eslebens erstes bedeutendes Werk die Haniel-Garage. Dabei faszinierte den Fotografen das Wechselspiel zwischen der Glasfassade, den schmalen Stahlseilen und den breiten Rampen. Merkwürdigerweise hat er das Mannesmann-Hochhaus nicht fotografiert, angeblich soll das Hochhaus nicht in Renger-Patzsch Formatvorstellung gepasst haben.

Foyer des Mannesmann1958, LandesarchivNRW, Inge Goertz-Bauer

Foyer des Mannesmann1958, LandesarchivNRW, Inge Goertz-Bauer

Das Mannesmann-Hochhaus hielt die damals noch junge Fotografien Inge Goertz-Bauer (1931-1982) in eindrücklichen s/w Fotografien fest. Ihr Nachlass wird heute im Landesarchiv NRW in Duisburg aufbewahrt. Dabei lenkte sie nicht nur den Blick auf die schlanke Gestalt der Hochhaus-Scheibe, sondern auch auf den Innenraum. So fotografierte sie das Foyer von oben – vom Zwischengeschoss aus – und vermittelt die Höhe des Raums, in dessen Mitte „einsam“ der Pförtner an einem schmalen Tisch seinen Platz hat. Wie bei Renger-Patzsch zeichnen sich auch Inge Goertz-Bauers Fotografien durch eine nüchterne Sachlichkeit aus mit einem besonderen Blick für das Detail. Die Fotografin, die stets mit einer Linhoff-Kamera arbeitete, hat fast alle wichtigen Bauwerke Paul Schneider von Eslebens dokumentiert. Kennengelernt hat sie PSE wohl durch ihren Mann, den Architekten Wilhelm Goertz, der eine Zeitlang im Büro von PSE gearbeitet hat. Vermutlich entstand über die Jahre jenes wechselseitige Verständnis – des Architekten für eine Bildsprache und der Fotografin für eine Architektursprache. Dabei soll Paul Schneider von Esleben immer sehr detaillierte Anweisungen gegeben haben, wie er ein Objekt fotografiert haben wollte.

Sich selbst ließ Paul Schneider von Esleben von Liselotte Strelow (1908-1981) fotografieren. DIE Strelow, wie sie genannt wurde, war eine Institution in den Wiederaufbau- und Wirtschaftswunderjahren der jungen Bundesrepublik. Sie porträtierte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. In ihrer Kundenkartei vermerkt sie: „Architekt Prof. Paul Schneider-Esleben. Gutes und Böses enthält jedes Gesicht! Es soll ruhig sichtbar gemacht werden. Bilder, auf denen nur das Gute zu sehen ist, sind meistens langweilig.“ Ein großer Bestand von Fotografien von Liselotte Strelow wird heute im LVR-LandesMuseum in Bonn aufbewahrt.

Für die Ausstellung „Paul Schneider von Esleben. Das Erbe der Nachkriegsmoderne“ hat das M:AI den renommierten Fotografen Thomas Mayer gebeten, noch einmal die bekannten Bauwerke von Paul Schneider von Esleben zu fotografieren. Der gebürtige Schweizer war zuerst als Werbefotograf tätig, bevor er Mitte der 1970er Jahre begann, Architektur zu fotografieren. Eines seiner ersten Projekte war die Dokumentation der Entstehung des Neuen Zollhofs in Düsseldorf. Was ihn an der Architekturfotografie besonders interessiert, ist die Stadtentwicklung, die er in seinen Fotoserien dokumentiert. Seine Farbaufnahmen von den Bauten von Paul Schneider von Esleben sind der „alltägliche“ Blick eines Passanten auf ein ihm vertrautes Bauwerk. Heute sind die Bauten selbstverständlicher Teil des städtischen Kontextes, das Besondere ihrer Entstehungsjahre – wie es noch die Aufnahmen von Inge Goertz-Bauer dokumentieren – ist von ihnen „abgefallen“.

Die Hanielgarage, Foto: Thomas Mayer

Die Hanielgarage, Foto: Thomas Mayer

Ursula Kleefisch-Jobst, M:AI