Architektur der 1960er/1970er Jahre – ein ungeliebtes Erbe

„Viele Bauten jener Jahre sind ja keinesfalls so beliebig und austauschbar, wie gerne kolportiert wird. Vielmehr sind die Sechziger leicht als Sechziger zu erkennen, die Architektur fand damals zu unverwechselbaren Ausdrucksformen.“ Hanno Rauterberg. Die Zeit, 2010

Das architektonische Erbe der drei Jahrzehnte nach dem 2.Weltkrieg, geprägt vom Wiederaufbau und der Teilung nicht nur Deutschlands, sondern der Welt,, von Kaltem Krieg, von weltweiter Demokratisierung, ebenso wie vom Traum eines  „humanistischen Sozialismus“, vom Wirtschaftswunder und sozialer Marktwirtschaft sowie dem Aufbruch in die Freiheit nicht nur einzelner Staaten und Länder, sondern in die persönliche Freiheit jedes Einzelnen, ist heute in Gefahr aus dem Gedächtnis unserer gebauten Umwelt getilgt zu werden. Das betrifft vor allem für die Bauwerke aus den späten 1950er Jahren bis in die Mitte der 1970er Jahre, die heute vielfach Stadtbild prägend sind.

tk_hoch

Strategien der Verdichtung

Die Eleganz und Bescheidenheit der unmittelbaren Nachkriegsmoderne eines Egon Eiermann oder Sep Ruf wird mittlerweile von der Enkelgeneration anerkannt. Sehr viel schwerer fällt jedoch das Verständnis für Großbauten wie das Aachener Klinikum (1968-1985) oder gar für Siedlungsformen  wie das Märkische Viertel in Berlin (1963 – 1974), die Metastadt Wulfen (1972-1976) oder Köln Chorweiler (1969-1974). Geprägt wurden diese Anlagen von den neuen Leitbildern der Zeit: Dichte, Urbanität und Nutzungsmischung unter dem Motto „Gesellschaft durch Verdichtung“ (1963). Zugrunde lagen die Erfahrungen der unmittelbaren Aufbaujahre, die gezeigt hatten, das endlose Streusiedlungen und ausufernde Stadtränder, nicht nur große Flächen verbrauchten, sondern mehrfache soziale Einrichtungen benötigten und weit verzweigte Verkehrswege.So wurden enorme Kosten verursacht, ganz zu schweigen von der Vereinsamung einzelner Gesellschaftsgruppen.

 

Technikeuphorie

Beklagt wird heute auch die Verkehrsplanung der Zeit, die nicht selten mit dem Verlust historischer Bausubstanz einherging. Vor allem in den Großstädten schlug man für den prognostizieren Individualverkehr große – oftmals bis heute schmerzende – Schneisen. Ebenso sah man eine Chance, die als sozial defizitär gebrandmarkte Stadt des 19. Jahrhunderts grundlegend  um- oder gar neuzugestalten. Beflügelt wurden diese radikalen Eingriffe von einer ungeheuren Begeisterung nicht nur für das Auto, sondern die Technik überhaupt, vorwärts gedrängt von einem ungebremsten Fortschrittglauben. Die Raumfahrt war sichtbarer Ausdruck und Maßstab dieser Technik- und Mobilitätseuphorie. Von ihr ließen sich die Architekten nicht nur inspirieren, sondern sie lieferte auch neue Konstruktionen und Materialien. Membranen für die Zeltdächer von Frei Otto und Tragwerkkonstruktionen, die seriell, schnell und preiswert große Flächen überspannen konnten.

_P1020175

Architektur der Körperlichkeit

Gewollt war auch eine Ästhetik der größeren Sinnlichkeit: großplastische Baukörper mit grobkörnigen Oberflächen, die die Schalungsspuren gleichsam als Dekor zur Schau trugen. Gottfried Böhms Kirchen zeugen von dem Bemühen um Bildhaftigkeit und Körperlichkeit. Das vom Béton brut geprägte Spätwerk Le Corbusiers stand hier Pate, begleitet von einer zunehmenden Kritik an Rationalismus und Funktionalismus der „Bauhaus-Moderne“. Daneben aber blieb auch  weiterhin, eine am Internationalen Stil geschulte architektonische Haltung bestehen. Vielstimmigkeit ist nicht erst das Ergebnis des postmodernen Pluralismus. Vielmehr prägten die 1960er und 1970er Jahre vielfach konkurrierende Lösungen: Dichte und Auflockerung, Form und Struktur, Leichtigkeit und Massivität, Transparenz und Plastizität, Individualität und Konformität.

Die drei Nachkriegsjahrzehnte waren gekennzeichnet vom Aufbruch, von Vielteiligkeit und Vielstimmigkeit: „die geglückten Hervorbringungen der Epoche konnten als Wege ins Offene erscheinen“ (Wolfgang Pehnt). Deshalb verdienen die gebauten Zeugnisse dieser Jahrzehnte heute eine gerechtere Beurteilung, aber keine Glorifizierung, denn unbestritten, finden sich unter ihnen vielfältige Sanierungsfälle, an denen unzureichend erprobte Materialien, ebenso wie jahrzehntelange Vernachlässigung und soziale Fehlkalkulation ihren Anteil haben, hinterlassen.

IMG_1321

Ein aktueller Beitrag zur Diskussion:

Die Charta von Bensberg, verfasst von Architekten und Stadtplanern, die sich für den reflektierten Umgang mit der Architektur der 1960er -1980er Jahre ausgesprochen. Eine lesenswerte Publikation vertieft das Thema:
Michael Hecker (Hrsg.), Ulrich Krings (Hrsg.), Haus der Architektur Köln (Hrsg.)
Bauten und Anlagen der 1960er und 1970er Jahre – ein ungeliebtes Erbe? ISBN: 978-3-8375-0679-2, Klartext Verlag

 

Mehr zu Architektur im Aufbruch