Architektinnen: Wie Frauen eine Männerdomäne eroberten

 „Gut Ding will eben Weile haben, und wesentlich wird auch sein, daß der Geist der Frau zur Sprache kommt, die sein will, was sie ist, und nicht scheinen will, was sie nicht ist.“
Lilly Reich, Innenarchitektin, Designerin, 1922.

Frankfurt 1925: Die Österreicherin Grete Schütte-Lihotzky (1887-2000) entwarf für den sozialen Wohnungsbau in Frankfurt die sogenannte „Frankfurter Küche“, eine Art Einbauküche, die sich an rationellen Abläufen der Hausarbeit orientierte. Sie war damit einen der wenigen Frauen zu dieser Zeit, die in der Architektur tätig waren. Mitten in einer Männerdomäne.

Architektur und Bauingenieurwesen sind dies bis heute noch. Zwar studieren heute mehr Frauen als Männer Architektur, während sie im Bauingenieurwesen immer noch in der Minderheit sind. Im Berufsalltag jedoch dominieren Frauen nicht die Baustellen und Plätze in den Architekturbüros. Im öffentlichen Bewusstsein stehen sie immer noch hinter ihren männlichen Kollegen zurück. In der Liga der sogenannten Star-Architekten strahlen einzig die Irakerin Zaha Hadid und die Japanerin Kazuyo Sejima, die zusammen mit ihrem Kollegen Ryue Nishizawa das Büro SANAA leitet.

Weichenstellung in Dessau: Frauen erlernen Handwerke

Auf dem Foto ist das Gebäude der Zollverein School of Management and Design in Essen zu sehen.

Ein Gebäude von SANAA: die Zollverein School of Management and Design in Essen. Foto: David Kasparek, via Flickr, CC BY 2.0

Mit Blick zurück bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts fällt auf: Frauen sind uns namentlich in diesen Berufsfeldern nicht bekannt. Erst die Reformbewegungen Ende des 19. Jahrhunderts, die Emanzipationsbestrebungen und spätestens ab dem Sommersemester 1900 die Zulassung von Frauen als „ordentliche Studierende“ in allen Fachbereichen, ermöglichten Frauen den Zugang zur Architektur. Manche hatten zunächst eine Lehre absolviert oder kamen aus dem Bereich der bildenden Künste. Frauen betätigten sich zunächst in den Bereichen, die ihnen am vertrautesten waren, der Inneneinrichtung und dem Wohnungsbaus.

Das Bauhaus hat zu dieser Entwicklung einen entscheidenden Beitrag geleistet. In Dessau wurden nicht nur Frauen in den Werkstätten für Weberei, Keramik, Metallverarbeitung, Innen-und Möbeldesign ausgebildet, sondern hatten auch leitende Positionen inne. Zu ihnen gehörte Lilly Reich (1898-1947), die erste Frau im Vorstand des Deutschen Werkbundes und ab 1932 Leiterin der Ausbauabteilung und der Weberei am Bauhaus in Dessau soswie später in Berlin. Als Tochter russischer Emigranten errichtete Ludmilla Herzenstein (1906-1994) nach dem 2. Weltkrieg ein Laubenganghaus an der Karl-Marx Allee in Berlin Friedrichshain, das heute etwas verloren inmitten der sozialistischen Prunkarchitektur steht. Sie sind mit Grete Schütte-Lihotzky prägende Architektinnen im deutschsprachigen Raum.

Bei einer Umfrage in Deutschland 2012 stellte sich heraus, dass von den 516 befragten Architektinnen nur 178 freiberuflich tätig sind. Es war Emilie Winkelmann (1875-1951), die 1906 als erste Frau in Deutschland – in Berlin – ein eigenes Architekturbüro eröffnete. Frauen, die eigene Büros führen, sind bis heute eine Ausnahme. Die Zahl der Frauen aber, die an der Spitze von Büros zusammen mit männlichen Kollegen stehen, nimmt ständig zu.

 

Text: Ursula Kleefisch-Jobst.

Titelbild: Kazuyo Sejima vom japanischen Architekturbüro SANAA: Eine der wenigen weiblichen Architektur-Stars. Foto: Rama, via Wikimedia Commons, CC-BY 2.0


 

Zum Selbstverständnis von Architektinnen heute. Matinée im Haus der FrauenGeschichte in Bonn

„Gut Ding will eben Weile haben“, wie Lilly Reich konstatierte, die ein Leben lang im Schatten von Mies van der Rohe stand. Welches Selbstverständnis haben heutige Architektinnen von ihrem Beruf? Ist ihr beruflicher Werdegang immer noch schwieriger als der ihrer männlichen Kollegen? Worin sehen sie ihre Aufgaben für unsere gebaute Umwelt? Bauen und planen sie anders als ihre männlichen Kollegen?
Diese Fragen sind Teil der Matinée im Haus der Frauengeschichte am Sonntag, 18. Oktober 2015. Ab 11.30 Uhr sprechen darüber im Haus der FrauenGeschichte in Bonn (Wolfstraße 41)die Architektinnen Leonora Wolters-Krebs, die seit 1972 mit ihrem Mann Friedrich Wolters ein Architekturbüro im westfälischen Coesfeld leitet und neben der Architektur einen Schwerpunkt im Städtebau hat, und Judith Kusch, die zusammen mit Joachim Koob seit 1992 das Architekturbüro 3pass in Krefeld führt. Die Diskussion moderiert Ursula Kleefisch-Jobst, geschäftsführende Kuratorin am M:AI Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW. Der Eintritt kostet 7 Euro, ermäßigt 5 Euro. Voranmeldung unter 0228-98143689 (AB) oder per E-Mail.