Ambivalenzen des Körperlichen: ein Gastbeitrag von Gereon Krebber

Die Beziehung zwischen künstlerischer Gestaltung und Bauaufgabe, zwischen Kunst und Architektur macht Kunst am Bau reizvoll. Wie setzt sich im Vorfeld ein Künstler mit der Gestaltung auseinander? Was beeinflusst ihn bei der Ideenfindung und Platzierung eines Kunstwerks? Anlässlich der Einweihung seiner Skulptur LIMP am Bochumer Gesundheitscampus äußert sich der Kölner Künstler Gereon Krebber in einem Gastbeitrag zu seinem Kunstwerk und dem Verhältnis von Raum zur Skulptur.

Zur Auseinandersetzung von Kunst und Raum

Der Künstler Gereon Krebber, hier in seiner Ausstellung Antikörper/OTC im Folkwang Museum. Foto: M:AI/ Raphaela Schröter.

Der Künstler Gereon Krebber, hier in seiner Ausstellung Antikörper/OTC im Folkwang Museum. Foto: M:AI/ Raphaela Schröter.

Ich bin fasziniert von Körpern. Beim Gesundheitscampus geht es um unseren Körper. „Alles außer Medizin“ heißt die interne Devise. Das kann man öffentlich bisher nicht wirklich sehen – ich möchte es zeigen, aus meiner skulpturalen Sicht.
Jedoch will ich keine Körper mimetisch nachformen. Ich arbeite lieber im blinden Fleck zwischen Körper-Sein und Körper-Haben. Mit meinem Vorschlag „limp“, (abgeleitet aus dem englischen limb für Körperglied und limp für schlaff) möchte ich eine plastische „Genese“ darstellen.

Mein Vorschlag umfasst ein Ensemble aus zwei Teilen, das sich auf die gegebene Raumsituation bezieht. Ich nutze für die erste Skulptur die prominente Treppe, die über die ganze Breite den Zugang zur länglichen Terrasse bildet. Halbschräg krümmt sich ein zerknautschter und verdrehter Hohlmantel von oben her auf dem linken Teil der Treppe. Die Position wirkt prekär und unbequem, das Stück liegt halb humorvoll, halb verzweifelt obenauf und könnte noch weiter herunter rutschen.

Komplementär dazu steht ein halbierter Vollmantel auf der Terrasse – etwa auf halber Strecke. Das Stück steht genau dort, wo von sich vorn gesehen die weiße Fassade als Hintergrund anbietet. Die Setzung ist massiv: Die Form ist 4,5 Meter hoch und fast 2 Meter breit. Der Mantel mit Kern mutet leicht organisch an und ruht in sich – etwas melancholisch, aber heiter gelöst. Die Größenverhältnisse sind ein Resultat der Auseinandersetzung zwischen Objekt, Raum und Architekturen.

Ein imaginärer Querschnitt durch Arm oder Finger

Meine Anregung war ein imaginärer Querschnitt durch Arm oder Finger. Um einen festen Kern aus Knochen sitzt ein Verbund aus weicher Körpermasse: Muskeln, Fett und Sehnen. Als pars pro toto schien mir dies ein gutes Bild für Körperlichkeit mit Leib und Seele zu sein: eine Stützstruktur mit Gewebe, eine Masse mit Kern.
Abgeleitet aus dieser Grundform, habe ich den Zylindermantel halbiert und daraus gegensätzliche Aggregate gebildet: Die eine Hälfte liegt entkernt und verdreht halbschräg auf der Treppe, die Terrassenhälfte steht voll aufrecht.

Der Zusammenhang der beiden wird offen demonstriert: Als sei vom Wegschneiden der zweiten Hälfte eine Basis am Boden stehen geblieben, zeigt sich bei der Stehenden die volle Grundfläche des Zylinders. Beide Formen ließen sich in der Vorstellung leicht wieder zusammenfügen. Vorgesetzt auf diese Basis steht jedoch die schwarze aufrechte Rechtecksform.

Für meinen Vorschlag wollte ich gerne mit Bronze arbeiten. Es ist das Material der Körperdarstellung in der Skulptur „par excellence“. Stabil, sehr haltbar, wetterfest und vielseitig einsetzbar steht es für Figurenplastik und ist entsprechend kunsthistorisch beladen. Für den Limp reizte mich besonders, dass Bronze stark mit Körperdarstellung verknüpft ist. Zudem interessierte mich der Hohlguss: Bronze ist eine erstarrte Metallhaut, die Gusswandstärke beträgt selten mehr als einen Zentimeter. Man hört dies, wenn man daran klopft. Es klingt hohl, der Körper ist leer.

Plastisch formulieren

Der Kern meines Entwurfs ist das komplementäre Skulpturenpaar, das auf der Treppe verdreht liegt und auf der Terrasse aufrecht steht. Ich hoffe, auf spielerische und humorvolle Weise einen symbolischen Moment für den Gesundheitscampus zu schaffen. Plastisch formulieren möchte ich dabei die Ambivalenzen des Körperlichen. Mit diesen beschäftigt man sich auf dem Campus in Lehre und Ausbildung – praktisch und gänzlich unsymbolisch. Ich möchte dafür ein Bild schaffen.“

 

Text und Titelfoto: Gereon Krebber.

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