Der Mies van der Rohe Award:
Blick auf die aktuelle europäische Architekturszene
Ein Beitrag von Ursula Kleefisch-Jobst
340 Projekte wurden von Experten und Architekturinstitutionen aus Europa für den Mies van der Rohe Award 2009 vorgeschlagen. Diese stattliche Zahl veranschaulicht, dass der Preis alle zwei Jahre wie in einem Brennglas die architektonische Landschaft Europas beleuchtet. Dabei geht es nicht wie Fulvio Irace, italienischer Architekturhistoriker und Mitglied der Jury für den Award 2009, kommentiert um „Made in Europe“. Sondern es geht um die Vielfalt der europäischen Architektur, deren Wurzeln immer noch die unterschiedlichen „Persönlichkeiten“ der einzelnen Nationen sind. Die Konzepte, Lösungsansätze und Gestaltungen sind vielfältig, weit entfernt von einer vermeintlich europäischen Identität, aber auch weit entfernt von einer gesichtslosen Allerweltsarchitektur. Genau darin liegt der Reiz der derzeitigen europäischen Architekturszene. Bei aller Vielfalt eint die Projekte jedoch ein Thema und eine neue Haltung.
Die Zeiten der großen Euphorie beflügelt von Wirtschaftswachstum, geprägt von Signature-Buildings, realisiert mit großen Budgets, weichen einer neuen Einfühlsamkeit und stärken erneut das Bewusstsein, dass Architektur eine soziale und dem Allgemeinwohl verpflichtende Aufgabe ist. So gibt es unter den Projekten wieder eine Reihe von Wohnungsbauten, die mit geringen Budgets und interessanten Bauherrnmodellen zu neuen Lösungen kommen und Impulse für urbanes Wohnen setzen. Die Stadt und insbesondere ihr öffentlicher Raum rückt wieder in den Focus der Betrachtung: „What if excellence in architecture took an urban form?“, fragt der französische Architekturkritiker Francis Rambert, Vorsitzender der Jury 2009.
Die fünf Finalisten geben mit ihren sehr unterschiedlichen Bauwerken ein anschauliches Zeugnis. Der mit seinem geschlossenen Äußeren, fast abweisend wirkende Universitätsbau von Luigi Bocconi in Mailand bildet im Inneren einen großen Platz aus, wo sich öffentliches und universitäres Leben verzahnen. Die öffentliche Bibliothek Sant Antoni in Barcelona, eingezwängt in einen Häuserblock, schafft eine Passage und Hofsituation mit unterschiedlichsten Aufenthaltsqualitäten für Anwohner und Nutzer der Bibliothek. Die Zenith Music Hall, ein organgefarbenes Colosseum, setzt ein leuchtendes Zeichen am zersiedelten Stadtrand von Straßburg. Mit der Straßenbahnhaltestelle, die zugleich einen Werkhof und einen großen Autoparkplatz umfasst, hat Marc Barani in Nizza nicht nur einen funktionalen Verkehrsknotenpunkt geschaffen, sondern eine architektonische Landschaft geformt und damit ein Stück Stadtreparatur geleistet. Genau hierin liegt auch die ganz besondere Leistung des neuen Opernhauses von Snǿhetta für Oslo. Das markante Bauwerk soll nicht nur ein Zeichen setzen für die Revitalisierung des ehemaligen Hafenareals am Oslo Fjord, sondern die Stadt wieder mit dem Wasser, dem Fjord, verbinden. Dabei wird das - wie eine eisige Landschaft - gestaltet Gebäude zu einem öffentlichen Platz für alle, ganz gleich, ob man Oper und Musiktheater liebt oder nicht.
Die Projekte des Mies van der Rohe Award 2009 zeigen, dass die Stadt - und ganz besonders die Stadt an ihren verwundeten, vernachlässigten und verlorenen Stellen - ein spannendes Experimentierfeld ist, das zu neuen Typologien anregt und neue Lösungsansätze fordert. Hierfür gibt es keine Patentlösungen, sondern nur ortsspezifische, wie die europäische Architekturlandschaft zurzeit eindrucksvoll zeigt.

