de | en

Karl Ganser

Prolog

Baukultur braucht einen Bauherrn mit Kultur und einen Architekten mit einer Idee. Beides trifft man nicht häufig. Räumen wir der Idee einen Ehrenplatz ein, denn ohne sie entstünde keine Baukultur.
Die Emscher Park Bauausstellung bot einen förderlichen Rahmen für Investoren, die sich als Bauherrn verstehen, für Developer, die die althergebrachte Haltung des Stadtbaurates verkörpern und für Architekten, die Baumeister sind mit Ideen, die über die Zeit bestehen.
Fünf einzigartige Ideen, die herausragende Projekte beflügelten, sollen hier stellvertretend veranschaulichen wie Baukultur entsteht:

Landschaftspark Duisburg/Meiderich – Peter Latz (Landschaftsarchitekt)

Was sollte mit 200 Hektar stillgelegter Industriefläche um die Gründungshütte August Thyssen aus dem Jahre 1900 inmitten eines Autobahnkreuzes geschehen? Die Stadt Duisburg wollte alles einebnen und grün einsäen. Peter Latz wollte alles stehen lassen und die Fläche der Zeit und der Natur übergeben. Baumeister Natur ist nicht zu übertreffen. Ihr Nachbar ist die Kunst. Wohlgesetzte Interventionen des Architekten bereicherten die Natur.

Schüngelberg-Siedlung Gelsenkirchen, Rolf Keller (Stadtplaner)

Wilhelm Johow entwarf 1916 für die Zeche Hugo in Gelsenkirchen eine Bergarbeiter-Siedlung im Stil einer Gartenstadt, angeordnet in konzentrischen Kreisen um einen Platz in der Mitte. Der Plan wurde nur zur Hälfte verwirklicht.
Rolf Keller baute die Siedung fertig, aber in einer Weise an die keiner dachte und die zu Beginn auch niemand wollte. Was lag näher als den konzentrischen Plan von Johow zu vollenden? Stattdessen reihte der Stadtplaner die neuen Wohnhäuser an drei schnurgeraden Straßen auf, die von der Mitte der Anlage die Berg-Halde hinaufführen. Die Halde wurde zeitgleich mit der neuen Siedlung angeschüttet und von Keller passend zu seinem Entwurf gestaltet.

Wissenschaftspark Rhein-Elbe, Gelsenkirchen, Uwe Kiessler (Architekt)

Unweit des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs lagen ein Gussstahlwerk und die Zeche Rheinelbe - insgesamt 30 Hektar Brachland. Uwe Kiessler zog eine 3km lange Gerade vom Bahnhof in die freie Landschaft. Mit Weitblick auf den geringer werdenden Flächenbedarf einer schrumpfenden Stadt beschränkte der Architekt die Bauflächen und führte stattdessen die Landschaft in die Stadt. An der neuen Achse reihen sich jetzt entlang das alte Verwaltungsgebäude des Gussstahlwerkes, der neue Wissenschaftspark, ein Kindergarten, die Bauakademie des Landes und noch einige gewerbliche Flächen.

Nordpolbrücke im Westpark, Bochum – Jörg Schlaich (Ingenieur)

Ab 1842 entwickelte sich vor den Toren von Bochum ein großes Gussstahlwerk, dessen insgesamt 70ha ab 1968 stufenweise stillgelegt wurden. Entstanden ist heute ein außergewöhnlich schöner Park mit der „Jahrhunderthalle“ aus dem Jahre 1902, saniert 2000-03, als baulicher Ikone. Die 7km lange, erhöht  verlaufende Erzbahntrasse vom Schiffskanal im Norden hinauf zur Hütte des ehemaligen Gusswerkes wurde zu einem Fahrradweg umgebaut.
Am Nordeingang des Parks hat Jörg Schlaich die ehemalige Erzbahntrasse mit einer Landmarke besetzt. Der Fußweg der Brücke schwingt sich in einer eleganten S-Kurve über die Landschaft. Die beiden schlanken Pilonen weisen den Weg zur Jahrhunderthalle mit dem alten Wasserturm.

„Bramme“ auf der Schurenbach-Halde, Stadtgrenze Essen-Gelsenkirchen – Richard Serra (Bildhauer)

Berghalden sind ungeliebt, aber der Arbeitsplätze wegen geduldet. Durch die jahrelangen Schüttungen entstehen Erhebungen an unpassenden Orten. Irgendwann werden sie anheimelnd modelliert und begrünt und bald nicht mehr wahrgenommen.
Die Schurenbach-Halde an der grenze zwischen Essen und Gelsenkirchen erlitt nicht dieses Schicksal. Der Bildhauer Richard Serra benutzte die Halde als Sockel für seine Skulptur „Ein Baum für das Ruhrgebiet“. Die Halde erhielt die schlichte Form eines lang gestreckten Rückens, in den Richard Serra eine mächtige Stahl-Bramme rammte. Der „Rücken“ ist unbegrünt, sichtbar blieb das dunkle Gestein aus den aus 1000m Tiefe beförderten Schächten. Diese Landmarke markiert wie keine zweite
den Übergang im Revier vom Industriezeitalter in die postmoderne Dienstleitungsgesellschaft.

Aus dem Skizzenbuch von Karl Ganser