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Grand Vitrail Cinetic, Victor Vasarely, RUB

KunstLabore-Diskussion/ Bochumer Stadtgespräche am 21. September 2011

Kunst für alle!!!
Z
umindest, wenn sie sich im Stadtraum verteilt, ist die Kunst für alle sichtbar. Ob sie für alle gleich erlebbar ist, das ist auch in Bochum eine Dauerfrage - eine von vielen, wenn es um Kunst im öffentlichen Raum geht. Thematisiert wurden diese Fragen bei den Bochumer Stadtgesprächen im Kunstmuseum Bochum am 21. September 2011. Die Stadtgespräche wurden diesmal in Kooperation mit dem M:AI Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW durchgeführt. Denn im Rahmen der Veranstaltungsreihe "KunstLabore" widmet sich das M:AI sowohl der Analyse von "gestandenen" Kunstplatzierungen, als auch künstlerischen Prozessen mitten in der Stadt, durch die Unorte - Baulücken, leer stehende Räume, Brachen – verwandelt werden. Künstler entdecken solche Orte oft neu, besetzten sie kreativ und implantieren damit ein Stück urbaner Vitalität. Von diesen subtilen Beiträgen zur Stadtentwicklung gibt es in Bochum wie auch in anderen Städten eine Menge.
Bochum spielte in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik eine Vorreiterrolle, als es darum ging, Kunst verfügbar zu machen: Raus aus den Museen! Kunst ist für alle da! Progressive Kräfte - in der Stadtverwaltung und in der Kunstszene - dachten bei zahlreichen Planungen in der Stadt das Thema Kunst gleich mit. Und so verfügt die Stadt über eine hohe Dichte an Stadtbild prägenden skulpturalen Setzungen. Seit den 1960er Jahren ist eine Vielzahl international renommierter Künstler in Bochum aktiv geworden. Berühmtes Beispiel: Planung und Bau der Ruhr Universität Bochum wurden von zahlreichen Künstlern begleitet, sie haben applikativ, aber auch die bauliche Struktur ergänzend und profilierend gearbeitet. In Nordrhein-Westfalen ist eine derartige Verschmelzung von Gebäuden und Kunst einzigartig. Im Zug der Sanierung der Uni gibt es aber zur Zeit noch zahlreiche offene Fragen, wie bei den leeren öffentlichen Kassen mit Restaurierung bzw. Umsetzen der Arbeiten umgegangen werden kann. Im Stadtgespräch wurde mehrfach bedauert, dass solche Diskussionen viel zu oft im Dickicht von Formalfragen landen, Kunst als Nebenthema betrachtet wird und nicht genuiner Bestandteil aller Sanierungsdebatten ist.
Dass Diskussionen um Skulpturen im Stadtraum oft schon viel früher beginnen, ist in Bochum gleichermaßen seit Jahrzehnten präsentes Thema - eigentlich wie überall: Nicht jede Setzung trifft den Nerv eines jeden einzelnen Bürgers. Aber kaum eine Skulptur hat die Gemüter so erhitzt wie der „Terminal“ von Richard Serra gegenüber dem Hauptbahnhof. Seit Jahren streiten sich Freunde und Feinde der Stahlskulptur über ihren Wert, ihren Beitrag zum Stadtbild, ihre künstlerische Aussage.
Tatsache ist, dass diese wie zahlreiche andere Arbeiten in die Jahre gekommen sind und mit dem Thema der Sanierung auch oft die Rufe nach Abriss laut werden – letzteres ist in Bochum a.a.O. auch bereits umgesetzt worden.
Genaues Hinschauen, sorgfältige Reflektion, Überprüfung der Aktualität, der Funktion und Ästhetik der Werke im Stadtraum, die ja den die Kunst legitimierenden Rahmen eines Museums nicht hat, war die Empfehlung aus der Runde der Podiumsteilnehmer. Und für jede Arbeit eine individuelle Lösung finden.
Thematisiert wurde darüber hinaus eine zeitgemäße, aktuelle Arbeit der Künstlerin Apolonija Šušteršic, die im September 2011 in der Bochumer Hustadt eingeweiht wurde. Diese Arbeit steht für die derzeit boomende Richtung der partizipativen Kunst, die ganz anders in der Stadt, in diesem Fall im Stadtteil wirkt: In der Hochhaussiedlung Hustadt hat die Künstlerin in dreijähriger Arbeit zusammen mit den Bewohnern auf einem Platz einen Pavillon geplant, der mit seiner transparenten, offenen Architektur zu einem informellen, mittlerweile stark frequentierten Treffpunkt in der Siedlung geworden ist – eine „soziale Skulptur.“
Kunst im öffentlichen Raum hat sich überregional stark geändert, überwindet Grenzen, bezieht Bürger mit ein und hat integrative Funktion. Bundesweit lassen sich dazu hunderte von Projekten finden.
So versucht man auf die zunehmende problematische Situation in den Städten – besonders an sozialen Brennpunkten – auch durch partizipative Kunstprojekte zu reagieren. Diese leisten in der heutigen Zeit vielleicht mehr, als es die Platzierung von Kunstwerken zu leisten vermag. Zumindest erübrigt sich bei der Partizipation die Vermittlungsarbeit, die bei gesetzten Kunstobjekten oft nötig ist und zugleich vernachlässigt wird. Auch viele Bochumer fühlen sich nicht ausreichend „mitgenommen“, wenn sie mit Kunst im öffentlichen Raum konfrontiert werden – so die Stimmen aus dem Publikum.
Bei den Teilnehmern des Podiums herrschte zum Abschluss weitgehend Einigkeit darüber, dass sowohl partizipative als auch gesetzte Kunst – nebeneinander – das Gesicht einer Stadt profilieren, bereichern und in die Zukunft gerichtet qualifizieren können.

 

AK

 

Wasserrelief, Erich Reusch, Ruhr Uni Bochum
Tor u.Doppelwinkel, F. Gläsel, RUB
Hustadt-Pavillon von Apolonija Šušteršic
Terminal, Richard Serra