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Architektur im Aufbruch: Anregungen und Gedanken der Besucher zum Thema Kirchenumnutzung

Umnutzung von Kirchen: Schließt die Tür oder macht weit die Tor!

Die Ausstellung „Architektur im Aufbruch. Planen und Bauen in den 1960ern“ war in Duisburg zu Gast in der Liebfrauenkirche, einer Kirche im Zentrum der Stadt, die seit einigen Jahren nicht mehr als Pfarrkirche dient. 

Im Bistum Essen wird in den kommenden Jahren rund Einviertel des gesamten christlichen Kirchenbestandes mit den dazu gehörigen Gemeindzentren nicht mehr für den Gottesdienst und die Gemeindearbeit gebraucht werden. Die Gründe dafür liegen im Wandel einer im stärker säkularisierten Gesellschaft, in der große Teile der Bevölkerung keiner Religionsgemeinschaft  mehr angehören oder sich keiner der beiden christlichen Konfessionen mehr verbunden fühlen. In den Innenstädten, aus denen das Wohnen weitgehend verdrängt wurde, aber auch in den während der 1960er und 1970er Jahren expandierenden Stadtrandlagen, die heute teilweise wieder stark schrumpfen, haben viele Kirchen infolge des Verlustes ihrer Gemeinden keine Aufgabe mehr. So sind die katholische Kirche und die evangelischen Landeskirchen aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, den größten Teil dieser Bauten in den kommenden Jahren zu veräußern. Verkaufen, umnutzen oder abreißen - was ist zu tun?

Weder den evangelischen Landeskirchen noch den katholischen Bischöfen, geschweige denn den betroffenen Gemeinden und ihren Mitgliedern fällt es leicht, Gotteshäuser aufzugeben. Wenn auch die Gemeinden schrumpfen, so bedeuten die Kirchenbauten für die noch verbleibenden Gemeindemitglieder ein Stück Heimat. So suchen die meisten Gemeinden erst einmal nach alternativen Nutzungen. Der Symbolgehalt eines Gotteshauses, vor dem die meisten Menschen immer noch hohen Respekt haben, stellt dabei eine besondere Herausforderung für neue Nutzungen dar.

Das M:AI hat die Besucher der Ausstellung nach ihrer Meinung gefragt. Die Resonanz war vielfältig, wie Sie beim Durchblättern der Notizzettel sehen können, die die Besucher  an einer Pinnwand in der Ausstellung hinterlassen haben. Für viele dieser von den Ausstellungsbesuchern geäußerten Ideen gibt es heute bereits gelungene Beispiele. Eines aber fällt auf: In einer immer stärker säkularisierten und individualisierten Gesellschaft wünschen sich viele einen Ort der Begegnung, einen Treffpunkt für die Aktivitäten kleinerer Interessensgemeinschaften. Besonders Jugendliche scheinen solche Orte des zwanglosen Beisammenseins in unserer Gesellschaft zu vermissen. Auf der Suche nach der eigenen Identität schaffen sie sich eigene Szenen und Milieus, finden sich in Gruppen mit besonderem Zugehörigkeitsgefühl zusammen und suchen nach Orten der Begegnung außerhalb der privaten Sphäre und frei vom Konsumzwang.

In Frankfurt am Main hat man auf diese drängenden Belange reagiert. 2007 wurde die jugend-kultur-kirch sankt peter eröffnet. Das Kirchenschiff des Gotteshauses aus dem 19. Jahrhundert, das in der Frankfurter Innenstadt nur wenige Minuten von der Einkaufsmeile Zeil entfernt liegt, wurde von den Darmstädter Architekten 45f zu einem multifunktionalen Veranstaltungssaal umgebaut. Hier finden Disco- und Rockkonzerte ebenso statt wie Taizé-Nächte und Meditationstreffen, Streetballturniere und Graffiti-Workshops, aber es gibt auch Räume zur Begegnung und zum Austausch sowie ein Café.

Die Forderungen auf den Notizzetteln sollten uns zu denken geben, und der Erfolg von Sankt Peter in Frankfurt spricht für ein ernst zunehmendes gesellschaftliches Bedürfnis. Damit wird die wirtschaftlich schwierige Lage einzelner Gemeinden nicht gelöst, aber auch Ausstellungsräume und Konzerthallen tragen sich nicht ohne öffentliche finanzielle Unterstützung. Kirchen sind für die Städte und ihre Gesellschaft wie das Herz für den Menschen, hieß es kürzlich im Baunetz  zu diesem Thema. Kirchen sind mehr als nur sakrale Orte, sie waren auch immer Zentren der Begegnung.  

 Ursula Kleefisch-Jobst