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Darmstadt Mathildenhöhe

Ein Dokument Deutscher Kunst, 1901

Umbruchsituation

Wachstum von Industrie, Handel und Verkehr bewirkte zu beginn des 19. Jahrhunderts eine noch nie da gewesene Konzentration von Menschen, Produktionsstätten und Kapital zu einer „Explosion“ der Städte. Mit der raschen Industrialisierung einhergehend veränderte sich zudem die gesellschaftliche Situation: Gegenstände des alltäglichen Gebrauchs wurden ab jetzt fast ausschließlich in industrieller Massenfertigung hergestellt, die Kunst entzog sich zunehmend dem gesellschaftlichen Alltag.

Die erste Bauausstellung Darmstadt – Ein Dokument deutscher Kunst

Auf der Mathildenhöhe entstand ab1899 auf Initiative von Großherzog Ernst Ludwig eine Künstlerkolonie. Die Gesamtplanung wurde dem jungen Architekten Joseph Maria Olbrich übertragen. In den Prozess waren zudem viele Künstler eingebunden. Als „Markstein auf dem Wege der Lebenserneuerung“ suchen die Mitwirkenden nach einer neuen Form, „welche nicht der heutigen gewohnten Art entspricht, sondern weit vorauseilt und Zukünftiges miteinschließt“ (Joseph Maria Olbrich). Die Mathildenhöhe war innovativ-bauliches Zeugnis der damaligen Lebensreformbewegung und fand international Anerkennung. Bereits im Mai 1901 wurde mit der Fertigstellung der Siedlung die erste IBA mit dem Titel „Ein Dokument Deutscher Kunst“ eröffnet.

Die Besonderheit dieser Bauausstellung: der umfassende und ganzheitliche Entwurf. Stadtplan, Atelier- und Wohnhäuser, Ausstellungsgebäude, Inneneinrichtung mit den Gegenständen des alltäglichen Bedarfs – alles wurde aus einem Guss geplant. In gemeinsamer Arbeit gaben Architekten, Maler und Bildhauer der Umwelt neue Gestalt - als Versuch einer Versöhnung von Kunst und Alltag, Stadt und Natur.

Als „Tempel der Arbeit“ wurde das Ernst-Ludwig-Haus als gemeinsames Atelier für die Künstler errichtet. Über dem Eingang ist als Motto zu lesen: „Seine Welt zeige der Künstler, die niemals war noch jemals sein wird“. Das Gebäude ist Höhepunkt eines Ensembles, das sich mit den Wohnbauten für die Künstler in die Landschaft einfügt.
Große Anerkennung fand auch das einzige nicht von Olbrich entworfene Haus. Peter Behrens, als Maler und Grafiker nach Darmstadt berufen, stellt sich hier erstmals als ein Architekt vor, dem vom Grundriss und Gesamtbild des Hauses bis hin zu den Details der Stukkatur im Inneren, von den Möbeln bis zu den Tellern, Tassen und Gläsern eine einheitliche Gestaltung der neuen Lebenswelt gelingt.

Modelle ganzheitlicher Lebensentwürfe

Der Gedanke ganzheitlicher Lebensentwürfe begleitet fortan das Baugeschehen des 20. Jahrhunderts: in der sich vom „Main-Stream“ absetzenden Hippie-Bewegung der späten 60er und 70er Jahre ebenso wie in der alternativen Ökologiebewegung der 80er und 90er Jahre. Auch im Zeitalter der Globalisierung der Märkte und der Internationalisierung der Stadtgesellschaft regt die Mathildenhöhe dazu an, neu über das Verhältnis von „Bauen“, „Architektur“ „Leben“ und „Gesellschaft“ nachzudenken.