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Architektur des Aufbruchs.

Die Architektur der 1960er und
1970er Jahre, ein ungeliebtes Erbe.
Jahresschwerpunkt des M:AI 2009

Das architektonische Erbe der drei Jahrzehnte nach dem 2.Weltkrieg, geprägt vom Wiederaufbau und der Teilung nicht nur Deutschlands, sondern der Welt,, von Kaltem Krieg, von weltweiter Demokratisierung, ebenso wie vom Traum eines  „humanistischen Sozialismus“, vom Wirtschaftswunder und sozialer Marktwirtschaft sowie dem Aufbruch in die Freiheit nicht nur einzelner Staaten und Länder, sondern in die persönliche Freiheit jedes Einzelnen, ist heute in Gefahr aus dem Gedächtnis unserer gebauten Umwelt getilgt zu werden. Das betrifft vor allem für die Bauwerke aus den späten 1950er Jahren bis in die Mitte der 1970er Jahre, die heute vielfach Stadtbild prägend sind.

Strategien der Verdichtung

Die Eleganz und Bescheidenheit der unmittelbaren Nachkriegsmoderne eines Egon Eiermann oder Sep Ruf wird mittlerweile von der Enkelgeneration anerkannt. Sehr viel schwerer fällt jedoch das Verständnis für Großbauten wie das Aachener Klinikum (1968-1985) oder gar für Siedlungsformen  wie das Märkische Viertel in Berlin (1963 - 1974), die Metastadt Wulfen (1972-1976) oder Köln Chorweiler (1969-1974). Geprägt wurden diese Anlagen von den neuen Leitbildern der Zeit: Dichte, Urbanität und Nutzungsmischung unter dem Motto „Gesellschaft durch Verdichtung“ (1963). Zugrunde lagen die Erfahrungen der unmittelbaren Aufbaujahre, die gezeigt hatten, das endlose Streusiedlungen und ausufernde Stadtränder, nicht nur große Flächen verbrauchten, sondern mehrfache soziale Einrichtungen benötigten und weit verzweigte Verkehrswege.So wurden enorme Kosten verursacht, ganz zu schweigen von der Vereinsamung einzelner Gesellschaftsgruppen.  

Technikeuphorie

Beklagt wird heute auch die Verkehrsplanung der Zeit, die nicht selten mit dem Verlust historischer Bausubstanz einherging. Vor allem in den Großstädten schlug man für den prognostizieren Individualverkehr große – oftmals bis heute schmerzende – Schneisen. Ebenso sah man eine Chance, die als sozial defizitär gebrandmarkte Stadt des 19. Jahrhunderts grundlegend  um- oder gar neuzugestalten. Beflügelt wurden diese radikalen Eingriffe von einer ungeheuren Begeisterung nicht nur für das Auto, sondern die Technik überhaupt, vorwärts gedrängt von einem ungebremsten Fortschrittglauben. Die Raumfahrt war sichtbarer Ausdruck und Maßstab dieser Technik- und Mobilitätseuphorie. Von ihr ließen sich die Architekten nicht nur inspirieren, sondern sie lieferte auch neue Konstruktionen und Materialien. Membranen für die Zeltdächer von Frei Otto und Tragwerkkonstruktionen, die seriell, schnell und preiswert große Flächen überspannen konnten.

Architektur der Körperlichkeit

Gewollt war auch eine Ästhetik der größeren Sinnlichkeit: großplastische Baukörper mit grobkörnigen Oberflächen, die die Schalungsspuren gleichsam als Dekor zur Schau trugen. Gottfried Böhms Kirchen zeugen von dem Bemühen um Bildhaftigkeit und Körperlichkeit. Das vom Béton brut geprägte Spätwerk Le Corbusiers stand hier Pate, begleitet von einer zunehmenden Kritik an Rationalismus und Funktionalismus der „Bauhaus-Moderne“. Daneben aber blieb auch  weiterhin, eine am Internationalen Stil geschulte architektonische Haltung bestehen. Vielstimmigkeit ist nicht erst das Ergebnis des postmodernen Pluralismus. Vielmehr prägten die 1960er und 1970er Jahre vielfach konkurrierende Lösungen: Dichte und Auflockerung, Form und Struktur, Leichtigkeit und Massivität, Transparenz und Plastizität, Individualität und Konformität.

Die drei Nachkriegsjahrzehnte waren gekennzeichnet vom Aufbruch, von Vielteiligkeit und Vielstimmigkeit: „die geglückten Hervorbringungen der Epoche konnten als Wege ins Offene erscheinen“ (Wolfgang Pehnt). Deshalb verdienen die gebauten Zeugnisse dieser Jahrzehnte heute eine gerechtere Beurteilung, aber keine Glorifizierung, denn unbestritten, finden sich unter ihnen vielfältige Sanierungsfälle, an denen unzureichend erprobte Materialien, ebenso wie jahrzehntelange Vernachlässigung und soziale Fehlkalkulation ihren Anteil haben, hinterlassen.

Die Ausstellung

Das M:AI wird in diesem Jahr die Architektur der 1960er und 1970er Jahre in den Mittelpunkt seiner Arbeit stellen, um ein differenzierteres Bewusstsein für dieses gebaute Erbe zu wecken und um für einen sorgsameren Umgang zu plädieren. Zurzeit erarbeitet das M:AI zusammen mit Prof. Thorsten Scheer, Düsseldorf, eine Ausstellung zu diesem Thema. Die Ausstellung wird die Architektur der späten 1950er Jahre bis zur Mitte der 1970er Jahre, dem Beginn der postmodernen Debatte, in ihrem baugeschichtlichen Kontext erläutern, dabei stehen Bauwerke aus Nordrhein-Westfalen im Mittelpunkt der Betrachtung. Da nicht nur Wissen, sondern auch das unmittelbare Erleben von Architektur zum Verständnis beiträgt, wird die Ausstellung ab Sommer in zwei charakteristischen Gebäuden der Zeit zu sehen sein: zunächst in der Liebfrauen-Kirchen in Duisburg von Toni Hermanns aus den Jahren 1958 - 1960 und ab Herbst im Auditorium Maximum der Bochumer Universität. Die Ruhr-Universität, nach einem Gesamtplan von HPP (Hentrich-Petschnigg & Partner) entstanden in den Jahren 1963-1984, galt damals als gebautes Zeichen für den bundesrepublikanischen Aufbruch in eine Universitätslandschaft nach amerikanischem Vorbild.

Ort der Ausstellung: Die Liebfrauenkirche in Duisburg (Foto: Wolf)